Putins Unfähigkeit aufzugeben

Vielleicht ist es die Lehre, die Putin aus Dresden und Ost-Berlin gezogen hat, diese Überzeugung, Gorbatschow hätte die Rote Armee gegen die ostdeutschen Menschen einsetzen müssen, die in Friedensgebeten und Montagsdemonstrationen friedlich für ihre Freiheit demonstrierten.

Er, Putin ist jedenfalls angetreten es anders zu machen. Keinen Rückzug, niemals, sondern immer nachlegen bis die Gegenseite komplett zerstört ist und aufgeben muss. Man hat das im Tschetschenienkrieg gesehen: Wo seine Vorgänger irgendwann aufgegeben haben, weil die Opfer auf beiden Seiten zu hoch waren, hat Putin durchgegriffen. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Und das wird jetzt in der Ukraine zu einem Problem. Nicht einmal sein Freund Donald Trump kann ihm einen Frieden organisieren, der ganz ohne einen russischen Rückzug funktioniert, ja der sogar einen Rückzug der Ukraine aus Gebieten fordert, die sie erfolgreich verteidigt haben. Das ist nicht einmal in der ihm sonst blind hörigen Partei der Republikaner durchsetzbar.

Schon gar nicht mit den Demokraten oder den europäischen Verbündeten, und am allerwenigsten mit der Ukraine, die sich verbissen gegen die russische Invasion wehrt, und die trotz horrender eigener Verluste keineswegs ans Aufgeben denkt.

Für die Ukraine geht es um die Existenz. Für Putin nur um seine Komplexe. Sein gesamter Feldzug ist schon jetzt ein Desaster, die Verluste an Menschen, Material, Ansehen, Wirtschaftskraft, Zukunftschancen – sie sind nicht mit Geld zu bezahlen.

Auch die strategische Situation hat sich katastrophal entwickelt: Einst neutrale Staaten wie Schweden und Finnland gehören jetzt zur NATO, der treue Verbündete Syrien ist kollabiert. Die Schwarzmeerflotte versenkt oder in Häfen versteckt.

Auch wenn Experten wie Carlo Masala darf darüber nachdenken, was passiert, „wenn Russland gewinnt“ – aktuell hat es erstmal sehr viel verloren. Und verliert weiter, auch wenn hier und da ein Quadratkilometer erobert wird: der Preis dafür ist viel zu hoch. Und die Gebiete zu halten kostet jeden Tag Menschen, Material und ein Vermögen.

Natürlich kann Russland lange durchhalten, es gibt viele Menschen dort, es gibt Rohstoffe, und es hat die offene oder stillschweigende Unterstützung von Nordkorea und Iran – und vielleicht auch China. Ein gewisses Wohlwollen in Indien, Brasilien und anderen ehemals blockfreien Ländern.

Aber der Krieg ist ein dermaßen menschenfressendes und ressourcenverschlingendes Monster, und unendlich sind auch Russlands Möglichkeiten nicht. Es hat auch eine eher überalterte Bevölkerung, es droht Fachkräftemangel, es kann passieren, dass irgendwann der Nachschub stockt. Und dann ist der Kollaps nicht weit.

Wenn Russland nicht mehr vorwärts marschieren kann, wenn es die Ukraine nicht mehr unter Dauerdruck an allen Fronten setzen kann, dann kann sich das Momentum und die Initiative schnell verschieben, wie der ukrainische Vorstoß in die Kursk Region gezeigt hat.

Natürlich hat auch die Ukraine keine großen Reserven mehr, um eine groß angelegte Offensive zu starten. Aber wenn die russische Front bröckelt und die Ukraine aussuchen kann, an welcher dünnen Stelle sie Nadelstiche setzt, kann der Ballon platzen.

Putin hätte also jeden Grund, jetzt eine Verhandlungslösung zu suchen, er hat, um es mit den Amerikanern zu sagen, auch nicht die Karten, den Krieg aus eigener Kraft in absehbarer Zeit für sich zu entscheiden. Will er die Krim behalten? Die sog. DNR und LNR? dann könnte das gerade die letzte Chance sein.

Aber es ist unwahrscheinlich, dass er das hinbekommt. Eher noch schickt er einen Volkssturm in die Ukraine. Wir Europäer können nur dafür sorgen, dass der Ukraine die Munition nicht ausgeht. Und hoffen, dass es im Umfeld von Putin irgendwann jemand gibt, der ihn überzeugt, Russland zuliebe nicht bis in den Untergang zu kämpfen.

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