Deutschland geht in Führung

Die Welt reibt sich die Augen – und wir Deutschen selber auch. Denn plötzlich nimmt Deutschland eine Führungsrolle ein, in einer Frage, in der es ihm niemand zugetraut hätte: In der Flüchtlingskrise zeigt Deutschland Stärke in herzlicher Menschlichkeit, unbürokratischer Hilfsbereitschaft, Improvisationstalent und gesellschaftlichem Engagement. Nicht eines dieser Attribute hätte auf einem „typisch deutsch“ Fragebogen die Chance auf eine vordere Platzierung bekommen.

Und vor allem hatten wir uns doch daran gewöhnt, dass wir doch als Land ungastlich sind, latent fremdenfeindlich. Dass der Rassismus in der Mitte der Gesellchaft verankert sei. Und all diese Phrasen politisch korrekter Selbstanklage. Wir Pastoren haben doch auch landauf landab gepredigt, dass christliche Abendland sei nur noch ein Etikett ohne Inhalt, der Egoismus und die Gleichgültigkeit gegenüber anderen gingen überall Hand in Hand.

Und im Ausland hat man das auch geglaubt, und das mögliche Erreichen der 5% Hürde von Rechtspopulisten war Grund zur Panik, selbst wenn ähnliche Parteien in den Nachbarländern satt zweistellige Ergebnisse einfuhren und nach Regierungsverantwortung strebten.

Und wenn um Deutsche Führung, um globale Mitverantwortung gestritten wurde, dann dachte man an Militäreinsätze und Kreditbürgschaften. Und die Verachtung der Grenzen der deutschen Leistungsfähigkeit mischte sich mit Angst vor einer deutschen Übermacht.

Und jetzt das: Deutschland, so berichten es die ausländischen Korrespondenten ihren staundenden Lesern, sagt den Flüchtlingen herzlich willkommen. Wo in anderen Ländern Stacheldrahtbarrieren hochgezogen werden, Flüchtlinge von Hundertschaften der Polizei zusammengetrieben werden, und mit ganzen Familien auf dem Asphalt der Straße übernachten müssen – da werden sie in Deutschland mit Applaus empfangen, erhalten Proviant und Wasserflaschen, Containerdörfer und Zeltstädte, ja umfunktionierte Luxushotels.

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Vor allem: Es ist keine einsame Entscheidung der Regierung. Im Gegenteil, die Bevölkerung überholt die eigene Regierung noch, zeigt durch ein beispielloses ehrenamtliches Engagement (war das nicht bei uns ausgestorben?), dass die Versorgung der Flüchtlinge nicht von den Behörden erwartet, sondern selbst in die Hand genommen wird.

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Dabei sah es am Anfang noch so ganz anders aus. Es gab Randale in ostdeutschen Orten wie Heidenau, es gab Pöbeleien im Netz und auf offener Straße, es flogen Brandsätze gegen Flüchtlingsheime, teils unbewohnt, teils mit Frauen und Kindern, die dort schliefen. Die 90er Jahre waren zurück, so meinte man – doch dann wendete sich das Blatt. Deutschland war nicht wiederzuerkennen. Und während hierzulande einzelne schon vor Euphorie warnten, über deutsche Gefühligkeit witzelten oder darin sogar einen unlauteren Versuch der Selbstrechtfertigung sahen, kamen Beobachter von außen einfach zu dem Schluss: Deutschland hat sich gewandelt. Zum Guten.

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Das alles ist schon wieder irgendwie historisch. Auch wenn es in Wirklichkeit gar nicht so überraschend ist. Deutschland war schon immer weit vorn, was die Spendenbereitschaft nach Katastrophen anging, die Hilfsbereitschaft nach der Maueröffnung, bei den Flutkatastrophen war riesig, die Solidarität mit den USA am 11. September ernsthaft und die Forderung, dass wenn es denn keine Chance gäbe in Syrien etwas zum Guten zu verändern, dann wenigstens die von dort Flüchtenden aufzunehmen war auch nicht ganz neu.

Überrascht ist man in Deutschland aber auch, dass man mit dieser Haltung plötzlich ganz vorn da steht in Europa. Die Aussetzung des Dublin-Verfahrens für syrische Flüchtlinge (wir berichteten) war ein nationaler Alleingang. Das ermunterte den ungarischen Ministerpräsidenten Orban sogar zu dem Satz: die syrische Flüchtlingswelle sei ein allein deutsches Problem – was auch bei allen folgenden Erklärungen nur als schlimmer Verrat an Europa und der Menschlichkeit verstanden wurde.

Plötzlich müssen andere Regierungen sich positionieren, kein Land möchte als herzlos, unmenschlich und unsolidarisch dastehen, selbst die Briten bewegen sich aus der selbstgewählten Distanz heraus, in Island bieten Tausende Bürger Wohnraum an und beschämen die eigene Regierung, die gerade noch verlauten ließ, es sei einfach kein Platz auf der Insel.

Noch ist unklar, wohin das ganze führt. Die europäischen Strukturen und Institutionen haben sich als unflexibel und wenig hilfreich erwiesen, in dieser Krise Menschenleben zu retten und nationale Egoismen dem offensichtlichen Notstand unterzuordnen. Gleichzeitig ist das europäische Bürgerbewusstsein gewachsen, diese Krise gemeinsam anpacken und lösen zu wollen. Immer mehr junge Europäer wollen ihren Kontinent nicht mehr den rechten Populisten, Angstmachern und Gewaltpredigern überlassen. Dass macht Hoffung. Und ein klein bisschen stolz.

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Heidelbaer


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