Chaos-Intifada

Wo immer dieser Tage Stellung genommen wird zu der sich ausbreitenden Gewalt in Israel und den Palästinensergebieten, stellt man die Frage: Ist das die Dritte Intifada? Mal stellt man sie besorgt, mal regelrecht euphorisch.

Die Signale aus Israel dieser Tage verdichten sich zu einem zunehmend alarmierenden Bild. Da ist der Palästinenserpräsident Abbas, der vor der UN-Generalversammlung erklärt, seine Behörde fühle sich an die mit Israel geschlossenen Verträge nicht mehr gebunden. Dann starten wieder vereinzelt, aber doch in gewisser Regelmäßigkeit Raketen in Gaza, die Orte im Süden Israels terrorisieren.

Und es kommt zu mehr oder minder spontanen Mordanschlägen auf Siedler aber auch religiöse Juden in Jerusalems Altstadt. Mit Messern, mit Autos, mit allem was Menschen schaden kann wird versucht, Tod und Terror zu verbreiten. Steine schmeißende Jugendliche werden schon kaum noch gezählt, geschweige denn international beachtet.

Aber erschossen werden sie schon, Minderjährige, wahrscheinlich mit zynischem Kalkül in die erste Reihe gestellt, und dennoch ist es schwer zu erklären und kaum zu entschuldigen, dass ausgerechnet sie dann tot auf der Straße zurückbleiben. Die Logik von Gewalt und Gegengewalt, von Terror und Vergeltung funktioniert immer noch.

Und neu ist das Bild jüdisch-israelischer Gegengewalt, die nicht im Straßenkampf durch die Polizei, nicht durch Vergeltungsschläge der Armee, sondern durch Bürgerinnen und Bürger selbst ausgeübt wird. Der Rat des Jerusalemer Bürgermeisters, sich in diesen gefährlichen Tagen zu bewaffnen, stellt nur die Spitze eines gefährlichen Eisberges dar.

Es ist nicht sicher, dass wir gerade den Start eines dritten Volksaufstandes der Palästinenser gegen die israelische Besatzung erleben. Eine dritte Intifada. Das ist durchaus möglich, aber es wäre eine ganz und gar andere „Intifada“ als das, was wir schon unter diesem Namen kennen.

Tatsächlich ist die Gewaltspirale nach oben offen, und es ist nicht absehbar, ob das Schießen, Stechen und Steinigen so bald aufhören wird. Sie Sicherheitslage in Israel wird womöglich noch ein Stück weiter erodieren, entsprechend in den palästinensischen Gebieten erst recht. Das Hauen und Stechen, Steinigen und Schießen, Bombardieren und Terrorisieren kann sich jederzeit zum Flächenbrand ausbreiten.

Aber für eine Intifada wie wir sie kennen, fehlt etwas Entscheidendes: Nirgendwo scheinen diese Aktionen koordiniert, konzertiert, geplant zu werden. Es wird auch keinerlei erkennbares Ziel verfolgt, vielmehr scheint planlos und spontan Hass gewaltsam ausgelebt zu werden. Und es gibt keine Führungsfigur mit der sich die unzufriedenen Palästinenser wirklich gemeinsam identifizieren können.

In einem früheren Blogbeitrag habe ich versucht zu erklären, dass weder Abbas noch Netanjahu ein wirkliches Interesse an der Änderung des Status Quo haben. Mittlerweile zählt womöglich auch Hamas dazu. Der eingefrorene Konflikt hält sie beide am Leben, alle an der Macht. Aller Rhetorik zum Trotz: Weder eine Zwei Staaten Lösung, noch ein Großisrael oder dessen komplette Vernichtung wird erntsthaft angestrebt.

Doch Abbas und Netanjahu verlieren die Unterstützung in ihrem Volk. Das Fundament der stabilen Pattsituation bröckelt von unten weg. Die Palästinenser haben die Revolutionsrhetorik, der keine Taten folgen satt. Und immer mehr scheinen auf eigene Faust, auf eigenen Stein, auf eigenes Messer loszuziehen, um Feinde zu töten.

Umgekehrt sieht man dieser Tage immer häufiger auch gewalttätige israelische Protestzüge, die aus ihrer Trauer um Opfer palästinensischen Terror auch Wut auf alle Araber machen. Progromartige Szenen sind zum Teil die Folge, auch hier zieht das zornige Volk an seiner Führung vorbei und dreht die Eskalationsschraube weiter.

Das ist deshalb besorgniserregend, weil man sich fragt, wer den Geist von Hass und Gewalt wieder in die Flasche bekommen soll. Wenn der Gewaltausbruch keinen Anführer hat, der ihn gestartet hat, wer soll ihn stoppen?

Heidelbaer


2 Gedanken zu “Chaos-Intifada

  1. Danke für diesen Text. Kannst du bitte aus deiner Sicht zeigen dass und wie Netanjahus Basis bröckelt? Ich habe den Eindruck bisher nicht; es würde mich aber zuversichtlicher stimmen.
    Vielen Dank
    mstemmle

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    1. Was ich wahrnehme ist eine Ratlosigkeit in der Suche nach Alternativen. Viele begeisterte Fans hat Netanjahu in Israel nie gehabt, aber die meisten haben eher ihm als anderen zugetraut, das Grundbedürfnis nach Sicherheit zu befriedigen. Und das ist weiterhin so. Nur relativ wenige in Israel glauben heute noch, dass ein „Weniger“ im Siedlungsbau, Zäunebau, Bewegungskontrolle usw bei den Palästinensern wirklich mehr Frieden und Sicherheit bringt.
      Und momentan ist es auch schwer vorstellbar, wie das funktionieren soll.

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