Deutschlands Unterforderung

Woran liegt es, dass Deutschland in der Flüchtlingsfrage plötzlich in Führung geht? Meine These ist: Das ist das Ergebnis einer langjährigen Unterforderung. Klar wir haben Problemchen und Krisen, aber ernsthaft: Unsere Wirtschaft brummt, unsere Arbeitslosigkeit ist extrem niedrig, und das trotz Mindestlohn und im europäischen Vergleich grandiosen Sozialleistungen.

Deutschland kann vor Kraft kaum stehen – aber wo sind die Herausforderungen? Griechenland retten macht beim dritten Mal dann auch nicht mehr so viel Spaß. Und Russland in der Ukraine Frage direkt zu konfrontieren, das ist dann doch eine Nummer zu groß. Und Militäreinsätze im Ausland? Werden immer wieder gern von andern gefordert, aber die Ergebnisse der bisherigen Interventionen sind ernüchternd.

Und gerade in Syrien treibt es einem die Schamesröte ins Gesicht, die Tränen in die Augen und die ohnmächtige Wut in Herz und Hirn. Dass man aber auch gar nichts machen konnte. Bei aller Kraft, die Deutschland hat: Im syrischen Bürgerkrieg waren wir tatenlose Zuschauer. Irgendwie gerade noch bissl mithelfen die Chemiewaffen aus dem Land zu kriegen, nachdem schon Tausende damit bestialisch umgebracht wurden. Das war’s dann auch schon.

(Und erinnert sich noch jemand daran, dass die LINKE gegen eine Eskortierung des C-Waffen-Tankers durch die Bundesmarine stimmte, weil Militäreinsätze grundsätzlich verkehrt sind? Das waren noch Zeiten!)

Das meine ich, wenn ich von einer Unterforderung spreche: Kraft haben, twas tun wollen, aber nichts tun können, aus Angst etwas falsch zu machen – und diese Angst sitzt tief, und auch in der Weltöffentlichkeit wiegen deutsche Fehler immer noch ein bisschen schwerer, weil die Vergangenheit bleiern mit dran hängt (Und nein, daran kann und will ich auch nichts ändern. Es IST unsere Vergangenheit und BLEIBT es auch. Gerade WEIL sie so schrecklich ist, dass man sie gerne loswürde)

Die Flüchtlingskrise ist plötzlich etwas anderes: Hier und jetzt können wir den Syrern helfen, ohne Bomben zu werfen, ohne einen Diktator zu stürzen, dem weit schlimmeres folgt oder einen Despoten zu schützen, der selbst vor Massenvernichtungswaffen gegen seine eigene Bevölkerung nicht zurückschreckt. Wir verbrennen keine Kinder bei lebendigem Leib beim Benzinholen am gestohlenen Tanklastzug. Sondern wir helfen Menschen in Not.

Es ist unbeschreiblich, wie selbstlos, konsequent und kompromisslos Menschen aus allen Bevölkerungsteilen hingehen und einfach das Richtige tun. Es ist die Mitte der Bevölkerung, die andere so gerne hätten. Hier trifft man sie. Und sie sind am Montag immer noch da, obwohl man doch dachte, es wäre nur ein Wochenendhappening. Und Politiker sind da. Und Geschäftsleute. Und Kirchen. Und Gewerkschaften. Und Arbeitslose und Freiberufler. Studenten und Arbeiter. Rentner und Schüler.

Immer wieder hört man die mahnenden Stimmen: Übertreibt es nicht mit eurer Willkommenskultur, macht euch klar was für eine Herkulesaufgabe das ist, all diese Menschen zu integrieren, welche Rückschläge es geben wird, und dass das hier keine Endlosparty ist, und so weiter.

Und dann sollen die Grenzen schnell wieder dicht gemacht werden, den Flüchtlingen belehrende Briefe geschrieben werden und am besten ein Großsteil der Flüchtlinge an die europäischen Nachbarn weitergeschickt werden. Damit man unsere Gesellschaft bloß nicht überfordert. Denn sonst, ihr wisst ja, die bösen Rassisten kommen sonst wieder.

Ich glaube das nicht. So schlecht wie in diesen Tagen der Willkommenskultur ging es den Rassisten noch nie. Und das könnte meinetwegen auch so bleiben. Und ehrlich: halten die uns denn alle für blöd? Wer hier Flüchtlingen Fahrräder spendiert, wer ihnen eine Wasserflasche in die Hand drückt, wer ihnen eine warme Decke bringt – das sind Leute, die können Lesen (und schreiben besseres Deutsch als die Rassisten).

Jeder weiß, dass das eine riesige Herausforderung ist. Und man muss dazu sagen: Endlich! Das ist doch ein Projekt, für dass es sich zu kämpfen, zu arbeiten, zu leisten lohnt. Diese ständige Unterforderung machte uns doch völlig fertig. Jetzt aber wissen wir wieder, dass etwas zu tun ist, und was zu tun ist. Und dass es auch Feinde dieses Projekts gibt, irritiert uns nicht, denn die haben viel mehr Angst als wir.

Angela Merkel sagt: Wir schaffen das. Und diesmal gebe ich ihr recht.

Heidelbaer


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