Patriotismus. Ein Begriff wird shanghait.

Eigentlich mochte ich den Begriff Patriotismus ganz gerne. Ich fand ihn viel besser als „Nationalstolz“, denn der war gleich doppelt verkehrt: National zu sein und stolz zu sein und womöglich stolz darauf zu sein, national zu sein – das lag und liegt mir gar nicht. Genaugenommen finde ich das sogar befremdlich. Und für Deutsche sogar total daneben.

Es hat ohnehin den Ruf, nun gerade auf etwas stolz zu sein, was man definitiv nicht verdient hat: Das Land, in dem man geboren wurde. Das ist wohlfeil, widersinnig, und wenn es bierselig herausgegrölt oder fahneschwenkend eingefordert wird sogar widerlich. Und dort, wo es mit dem wichtigen demokratischen Grundrecht des Widerstandes gekoppelt wird, ist es brandgefährlich.

Aber Patrotismus, das empfand ich immer als weniger problematisch. Ich habe das als eine positive emotionale Beziehung zu dem Land in dem ich lebe aufgefasst, zu seinen Werten, seiner Kultur, seiner Landschaft, seinen Schrulligkeiten und seiner Geschichte. Das fand ich OK, auch wenn es in Deutschland eben eine Geschichte ist, die seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch einem unheilbaren Bruch gezeichnet ist.

Zu Deutschland gehört die historische Verantwortung für zwei Kriege und den Holocaust, die das massenhafte Töten von Menschen zu einer industriellen Effizienz brachten, dass die Opferzahlen bis heute jede Vorstellungkraft übersteigen. Es gibt keine deutsche Identität ohne diesen Bruch. Er geht definitiv zu tief, um über ihn hinwegsehen zu können oder behaupten zu dürfen, er würde mit der Zeit verheilen.

Er kann auch nicht übertüncht werden, mit Richtigtuerei, Musterschülerverhalten oder Gutmenschentum (eine gefährliche, typisch bundesrepublikanische Illusion!). Er ist da, und er bleibt sichtbar, spürbar, gegenwärtig. Er setzt ein unbequemes Aber hinter alles, was sonst in Deutschland zustande gebracht wurde. Hinter all die wissenchaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Errungenschaften nicht nur vor der Nazizeit sondern auch danach.

Das ist gut so. Ungebrochener Nationalstolz macht blind, ein sich der Brüche bewusster Patriotismus ist sensibel, aufmerksam und achtsam. Deutschen ist es in der Regel nicht egal, welches Bild sie im Ausland abgeben. Sie können den Patriotismus von Dänen und Franzosen, Amerikanern und Polen wertschätzen, ohne ihn bedrohlich zu finden. Sie sind stets besorgt, das erreichte Gute an Demokratie und Menschenrechten zu bewahren vor allen möglichen Gefahren von innen oder außen.

Und so fing auch Pegida an, aus dieser Sorge speist sich die AfD. Sie definieren sich als patriotische Bewegungen – erstere sogar in ihrem Namen. Und sie distanzieren sich vom Nationalsozialismus wo sie nur können. Aber die Bedrohung für unsere Werte, für unsere Demokratie, für unsere Heimat sehen sie nicht rechts. Ich schon, dazu später. Aber zugestanden: Auch deren Sorgen sind real und kein Phantom – nur werden Lösungen angeboten, die diese Werte höchstselbst gefährden.

Beginnen wir mit der AfD: Der Ursprungsimpuls war die Ablehnung des EURO. Dafür gab und gibt es rationale, wirtschaftliche wie politische Gründe. Rückblickend musss man sagen: Angesichts der immer wieder auftretender Krisen waren bestimmt nicht alle Argumente falsch. Man denke nur an die jedesmal dramatischeren und dennoch nicht nachhaltig erfolgreichen Versuche Griechenland zu retten. Von allfällig gebrochenen Versprechen wie Stabilitätskriterien, No-Bailout-Formel, EZB Anleihekäufen und anderen Grenzüberschreitungen zu schweigen.

Aber mit der D-Mark ging es auch um etwas anderes. Es ging um Deutschland, genaugenommen um Westdeutschland, die Bundesrepublik. In kaum einem anderen Land war die Währung im Bewusstsein der Bevölkerung so sehr mit einem staatlichen Konzept verbunden wie die D-Mark mit dem demokratischen, republikanischen Deutschland.

Die D-Mark war förmlich ein Symbol, etwas woran viele Bürger sich erinnerten, wie sie dieses Geld das erste Mal in den Händen gehalten  haben. Damals, nach dem Untergang des Nazi-Regimes, oder erst jüngst, nach Einführung der Währungsunion zwischen Bundesrepublik und DDR. Mit der D-Mark kam die Freiheit, mit diesen Münzen und Scheinen verband sich Hoffnung auf einen Neuanfang, die erfüllt wurde. Mit der D-Mark wollte die AfD immer auch Werte verteidigen, die die Bundesrepublik prägten.

Wogegen eigentlich? Bei allen Schnittmengen bei EU-Skepsis und Globalisierungskritik: Die AfD war niemals attac, und wollte es auch nie sein. Eher der Aufstand des Mittelstandes gegen die unkontrollierbare Macht multinationaler Konzerne. Man mag das deutsche Piefigkeit nennen, aber so richtig geheuer ist einem die Konzentration von wirtschaftlicher Macht bei Google, amazon, Mosanto und Mondelez ja wirklich nicht. Aber genau mit diesem Unbehagen wurde eben auch bewusst die Saat von Verschwörungstheorie und Antiamerikanismus gesäht.

Und diese Saat fiel auf fruchtbaren Boden gerade bei den vielen, die sich abgehängt fühlten. Nicht nur im Mittelstand, sondern auch durch die rasante technische Entwicklung am unteren Ende des Gesellschaftsgefüges. Wer braucht heute noch un(aus)gebildete Arbeiter? Die Zechen sind zu, die Landwirtschaft hochtechnisiert, die Industrie robotisiert – un(aus)gebildet hast du nur noch in klassischen „Frauenberufen“ Chancen.

Der „weibliche“ Dienstleistungs-Sektor boomt: Kindererziehung, Pflege, Reinigung bis im Prinzip sogar Prostitution. Überall kannst du mit einjähriger oder gar keiner Ausbildung schon Mindestlohn und darüber verdienen. Aber für Männer sind die klassischen Hilfsarbeiterstellen fast völlig weg. Hermesfahrer kann man werden, Pizzabote oder auf den Bau. Aber viel gibt der Arbeitsmarkt da nicht her.

Die AfD ist männlich, und das ist Pegida auch. Aber in ihrem Weltbild ist die Bedrohung des Mannes nicht einem anonymen Strukturwandel geschuldet. Unsere Existenz und unsere Werte sehen sie konkret bedroht, und die Verschwörung der Weltfinanz gegen unser Deutschland kennen wir doch irgendwoher, und das sind keine guten Erinnerungen.

Auch Pegida hat ein klareres Feindbild: Es ist der Islam, der gleich das ganze Abendland abschaffen will. Drunter machen sie es nicht. Auch hier muss man konstatieren: Ein Körnchen Wahrheit ist ja dabei, wenn sie die Befürchtung äußern, der Westen nehme die Herausforderung durch den politischen Islam nicht an, ja nicht einmal ernst.

Die Reflexe mit denen der Islam als ganzes aus der Verantwortung für die Gräuel der Terroristen entlassen wird, die Verharmlosung der Krise des Islam, der selber noch überhaupt kein Rezept zur Überwindung seiner durchgedrehten Anhänger hat, das Nicht-Wahrhaben-Wollen ganzer Netzwerke, Subkulturen und Stadtteile, in denen deutsches Recht nichts, oder bestenfalls pro forma gilt. Wo diese Realitäten in Deutschland 2016 ausgeblendet oder bestritten werden, ist der Lügenpresse-Vorwurf um die Ecke.

Pegida sagt: Wir wollen diese Realitäten nicht akzeptieren. Damit sprechen sie sicher einer Mehrheit der Deutschen aus dem Herzen, und nicht nur denen: Auch hier lebende Kurden, Türken, Jesiden, Perser, Araber, Nordafrikaner und viele mehr wollen das nicht: eine schleichende Islamisierung wenn nicht des ganzen Abendlandes, so doch von Stadtteilen und Bezirken, in denen du als türkischer Ladenbesitzer plötzlich gezwungen werden kannst, alle deine weiblichen Angestellten unter das Kopftuch zu stecken.

Ist das der neue Patriotismus? Widerstand gegen geldgierige multinationale Konzerne, gegen die allmächtigen USA, die EU-Bürokratie und gegen den machtgierigen, gewaltbereiten politischen Islam in unseren Städten? Und dagegen aufrecht zu den Werten der guten alten Bundesrepublik stehen, mit Mittelstand, D-Mark und Gewaltmonopol der Polizei? Das alles klingt so als könnte man darüber reden, und ich denke, man muss darüber reden. Aber in diesem Patriotismus ist der Wurm drin.

Von Anfang an zapft er einen Konservatismus an, der den Wandel, die Entwicklung verhindern will, notfalls mit Gewalt. Von Anfang an sieht der diesen Wandel als gesteuert, gelenkt und feindlich an, und wird zum Tummelplatz aller möglichen Verschwörungstheorien. Das grenzt zum Teil an offene Realitätsverweigerung, wenn man zum Beispiel an die „Klimakritiker“ in der AfD denkt. Aber im Grunde genauso widersinnig ist die Vorstellung durch Zäune und Obergrenzen interkontinentale Migrationsbewegungen stoppen zu können. Oder die Globalisierung. Oder demographische Trends. Oder, oder, oder.

Die Sehnsucht nach überschaubaren nationalstaatlichen Strukturen, in denen man seine Probleme selber lösen kann, der Hunger nach einer Wahrheit, die unbequeme Wirklichkeiten ausblendet und schlichte Erklärungen für komplexe Probleme liefert – all das ist Einfallstor geworden einer gezielten Desinformationskampagne, die tatsächlich und nachweisbar gesteuert und gelenkt wird: Aus Moskau. Das passiert ganz offen über Medien wie Sputnik und RT, das passiert nachweislich durch Parteienfinanzierung des rechten Spektrums.

Hier wird der Patriotismus shanghait. Er wird übernommen und umgedeutet und instrumentalisiert. Dazu wird er mit Machotum aufgeladen, um das männliche Proletariat emotional zu binden. Es wird nationale Stärke vorgegaukelt, die real nicht mehr existiert. Und es wird dabei erkennbar die russische Langfrist-Strategie verfolgt, Europa aus dem Bündnis mit den USA herauszubrechen, und mit dem Köder Neutralität und nationale Souveränität de Facto-Vasallenstaaten unter russischer Hegemonie zu schaffen.

Man braucht nur die Geschichte der Ukraine anzusehen, wie sehr Moskau bereit war, nationale Souveränität und Neutralität zu achten, wenn es darum ging, in welche Richtung Kiew seine wirtschaftlichen Verbindungen stärken wollte. Die gesamte russische Propaganda- Geheimdienst- und Militärmaschine wurde auf das Land losgelassen, und die Neutralität nur insofern hochgehalten, dass der Westen kein Recht habe, sich einzumischen. So sieht es aus.

Was bedeutet das für Deutschland? Der Schmerz über den Verlust der Bundesrepublik, wie sie einmal war, ist echt. Er ist auch nicht unberechtigt. Im Rückblick war es eine gute Zeit, wenn auch nicht alles Gold war, was jetzt so glänzt. Dennoch kann Patriotismus nicht heißen, die „Gute alte Zeit“ mit Gewalt wieder zurückzuholen. Das kann nur im Albtraum enden. Wichtiger wäre es, die Veränderungen, die Zukunft gerade mit jenen Werten zu gestalten, die uns wichtig und unverzichtbar geworden sind.

Das wird in Zeiten von Klimawandel, Massenmigration und Globalisierung kein leichtes Unterfangen. Und dabei ist vielleicht wirklich Trauerarbeit zu leisten bei dem, was uns unwiederbringlich verloren geht. Aber es liegen auch Chancen darin, gerade weil unser Weg von Menschenwürde, Menschenrechten, Emanzipation und Gleichberechtigung, Integration und Inklusion, Umweltschutz und sozialer Marktwirtschaft so erfolgreich war, dass er eben nicht in nationalistische Sackgassen führt, sondern Wege nach vorn öffnet, auch über unsere Grenzen hinaus.

Dafür wird es Patrioten brauchen, keine deutschtümelnden Gestrigen, keine hormongesteuerten Putinfans und keine wirklichkeitsverneinenden Verschwörungstheoretiker. Sondern Menschen, die ihre Identität als Teil eines Ganzen sehen können, in das sie etwas einzubringen haben, was kostbar, wertvoll und hilfreich ist. Das wird dringend gebraucht.

Heidelbaer

 


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