Ende der Barmherzigkeit?

Hamas hat offenbar World Vision infiltriert, und zwar nicht nur ein bisschen, sondern bis zum verantwortlichen Leiter des gesamten Engagements im Gazastreifen. Das ist unglaublich.

Schon deshalb stellt sich die Frage, ob es auch wahr ist. Allen Anschein nach ist es wahr. Schon das lange Schweigen zwischen Verhaftung und Veröffentlichung deutet auf sehr gründliche Arbeit hin auf der einen Seite – und ein schlechtes Gewissen auf der anderen.

Denn so sehr israelische Medien an die „Gag-Order“ gebunden sind, laufende Ermittlungen nicht durch Berichterstattung zu gefährden – so hätte WorldVision bei der Verhaftung ihres Bereichsleiters einen veritablen Shitstorm der Entrüstung lostreten können, der Israel in arge Erklärungsnöte gebracht hätte. Wenn denn nichts an dem Verdacht dran gewesen wäre.

Und schließlich hat Muhammad Al Halabi gestanden. Und zwar nicht mit einem einfach „OK, ich war’s“ sondern mit einer Fülle von nachprüfbaren Details und Insiderwissen. Nach derzeitiger Nachrichtenlage kann man davon ausgehen: die Vorwürfe stimmen.

Der Fall ist aber deshalb unglaublich, weil er eine enorme Dimension hat. Es geht um zig Millionen Dollar, und – auch das ist erstaunlich – es sind nicht nur Spendengelder von Privatleuten, sondern auch Steuergelder von Staaten dabei, die veruntreut wurden.

Nun ist „Untreue“ im Bereich internationaler Hilfe tatsächlich ein Begriff, der schwammiger ist, als man annehmen könnte. Aber tatsächlich bedeutet Hilfe für Menschen in Not in aller Regel immer die Kooperation von Hilfsorganisationen mit korrupten, womöglich kriminellen Strukturen.

Keiner soll sich einbilden, in Nigeria, Afghanistan oder eben Gaza ginge es zu wie in Deutschland oder der Schweiz. Wer helfen will, muss Güter transportieren, muss sie schützen (lassen), muss sie über Landes-, Distrikt- und Clangrenzen schaffen – wo Zölle oft nach Gutdünken erhoben werden.

Jede Hilfsorganisation braucht Kooperationspartner vor Ort, die sich auskennen, die die besten Preise bei Zöllnern oder auch Schmugglern herausholen und so dafür sorgen, dass so viel Hilfe wie möglich bei den Bedürftigen ankommt. Dafür muss bestochen werden und geschmiert – Geld landet in dunklen Kanälen bei zwielichtigen Leuten. Das ist normal.

Aber dieser Fall ist etwas anderes. Alles scheint darauf hinzudeuten, dass Hamas bewusst eine christliche Hilfsorganisation infiltrierte, um vollständig die Kontrolle über deren Mittel zu gewinnen, und diese nach eigenem Gutdünken zu verteilen. Das ist bei einer Organisation der Größe und dem Ruf von World Vision und den zur Verfügung stehenden Mitteln absolut ungeheuerlich.

Gerade weil World Vision als christliche Organisation gilt, wollten die Geldgeber (öffentlich wie privat) darauf verlassen, dass das Geld wirklich Kindern und humanitären Zwecken zugute kommt – und auf keinen Fall zur Finanzierung von Mord, Krieg und Terror verwendet wird.

Es werden sehr peinliche Fragen auf World Vision zukommen, die ja mit diversen Spendensiegeln Seriosität und Transparenz versprechen. Wie konnte es wirklich möglich sein, dass sich ein ganzer Bereich so abkoppelt, dass er Millionen und Abermillionen nur in Potemkinsche Projekte investieren und dann verschwinden lassen kann, ohne dass die Zentrale das bemerkt?

World Vision verspricht, eingezahlte Gelder bis zur Verwendung direkt bei den notleidenden Kindern nachzuverfolgen, wieso gelang das im Falle Gaza nicht? Hat man die Gefahr unterschätzt? War der Betrug so perfekt? Bis heute scheint man in der Zentrale vor allem eins zu sein: Ratlos. Und das noch Monate nach der Verhaftung. Das sagt einiges.

Die Israelis feiern ihren Erfolg, und gleichzeitig erkennt man die Sorge, ja fast den Neid der Geheimdienstler, wie der Hamas so ein Meisterstück an Spionage gelingen konnte. Einen militant-fundamentalistischen Islamisten in die Führungsetage einer internationalen christlichen Hilfsorganisation einzuschleusen ist kein spontanes Attentat eines Durchgeknallten. Das ist sorgfältig geplant, perfekt getarnt und professionell durchgeführt worden.

Gelernt werden kann daraus nicht, dass nun das Ende der Barmherzigkeit erreicht sei, Spenden und Hilfe für Notleidende – auch in Gaza – ohnehin nie ankämen. Von dieser Konsequenz rät auch Israel nachdrücklich ab. Ebenfalls sollte man nicht meinen, dass spontane Hilfsaktionen von Privatleuten eine bessere Alternative wären. Im Gegenteil, das Ausfallrisiko dort ist sehr, sehr hoch.

Stattdessen muss die professionelle Hilfe noch professioneller werden. Transparenter, kontrollierbarer, nachrechenbarer. Und noch skeptischer: In korrupten Diktaturen sind integere Leute eben kaum zu finden, und eine UN-Karriere beweist in dieser Richtung  soviel wie in der FIFA oder beim IOC.

Heidelbaer


Ein Gedanke zu “Ende der Barmherzigkeit?

  1. Wir „Gutmenschen“ müssen endlich unsere verdammte Naivität und Gutgläubigkeit ablegen um robust und tough unsere Anliegen zu vertreten. Es kotzt mich an, dass dieser Fall wieder einmal Wasser auf die Mühlen der „Gutmenschen“ – Kritiker ist!

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