Predigt zu Volkstrauertag

Am Volkstrauertag geht es um das Ende der Welt. Im aktuellen Titel von DER SPIEGEL ist das Ende der Welt (wie wir sie kennen) nahe, und heißt Donald Trump. Andere feiern ihn als der, der ihre Welt rettet oder ihre heile Welt wiederherstellt. Von der Sehnsucht nach einer heilen Welt redet auch Paulus im Predigttext aus dem Römerbrief, 8. Kapitel:

18 Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.

19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.

20 Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung;

21 denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.

22 Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt.

23 Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.

24 Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?

25 Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.
Liebe Gemeinde,

wir haben Sehnsucht, nach einer heilen Welt.

Und wenn man sich den Wahlerfolg Trumps ansieht, und wenn man jetzt nicht auf die blöden Amerikaner schimpft, sondern auch auf Europa, auf Deutschland blickt, ja wenn man nach Großsolt guckt und vielleicht sogar in die eigene Seele.

Wir haben Sehnsucht nach einer heilen Welt, und ich glaube es ist diese Sehnsucht, die die Rechtspopulisten bedienen.

Eine Welt, wie sie ein mal war: In dem Staaten verlässliche Grenzen hatten, eine Welt in der Männer Männer sein durften, Frauen Frauen sein durften, wo Kinder im Garten spielten und wo Wirtschaft das war, was hierzulande von einheimischen Arbeitern produziert und von einheimischen Kaufleuten verkauft wurde.

Eine Welt die übersichtlich ist, die uns ein Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Heimat bietet.

Diese Welt hat einen Knacks bekommen, sie ist kaputt gegangen, sie ist zerbrochen. Die Grenzen, die unsere Welt übersichtlich machten, sind durchlässig geworden, das gilt für Waren und Dienstleistungen, für Informationen und Wissen, das gilt auch für Menschen vom globalen Manager mit Lufthansa Netzkarte bis zum eriträischen Flüchtling im Schlauchboot auf dem Mittelmeer.

Und es gibt ein wirklich großes Unbehagen, wenn die Grenzen noch weiter ausradiert werden sollen, in der EU mit dem Euro und dem Schengen-Abkommen, mit TTIP und CETA, mit Einwanderungsgesetz und Flüchtlingsaufnahme.

Wir haben eine Sehnsucht nach Freiheit, aber eben einer Freiheit in sicheren Grenzen. Denn wir spüren und merken, dass das Fehlen von Grenzen auch Freiheiten kosten kann: Die EU entscheidet plötzlich über das Wohl und Wehe unserer Bauern, berät über unsere PKW-Maut und so weiter.

Große Konzerne wie Google, Facebook und Co wissen mehr über uns, als uns lieb ist, und kontrollieren welche Informationen wir bekommen. Nutzerangepasstes Angebot nennt sich das, und letztlich bestimmen wir das schon mit unserem Surfverhalten selber, aber komisch fühlt sich das doch an.

Dazu passen dann Meldungen, dass plötzlich auf die religiösen Bräuche, Gefühle und Regelungen von Einwanderern Rücksicht genommen werden soll, ob es um Bekleidungsvorschriften im Schwimmbad bis zum fehlenden Schweinefleisch in der Kantine geht.

Meldungen über Kriminalität, die ausländischen Banden, frauenfeindlichen Orientalen und religiösen Fundamentalismus zugeordnet werden kann, tun ein übriges: Unser Bauchgefühl sagt uns: Unsere Freiheit, unsere heile Welt ist in Gefahr.

Und an vielen Stellen ist sie schon kaputt, deshalb scheint es zeit, sie zu reparieren, die Grenzen wieder herzustellen, die Ordnung wieder aufzurichten, die Ursachen für Unsicherheit zu beseitigen.

Ihr Lieben, so eine Sehnsucht ist nicht dumm, rassistisch und faschistoid.

Sie ist menschlich.

Sie steckt auch in unserem Bibeltext: Sehnsucht nach einer heilen Welt, Paulus schreibt: Die ganze Schöpung sehnt sich nach Heilung, nach Erlösung. Denn sie ist kaputt und krank und ächzt und stöhnt.

Aber die entscheidende Frage ist: Wer kann sie heilen?

Donald Trump?

Ihr alle, die ihr ihn gewählt habt, ihr wurdet betrogen. Er hat eurer Sehnsucht Stimme gegeben, er hat das Korsett politischer Korrektheit zerbrochen bis selbst Grundregeln des menschlichen Anstandes nicht mehr zu gelten schienen.

Aber die Hoffnung, die er euch macht, die Hoffnung, dass es ein Zurück gibt in die gute alte Zeit, wo noch alles so war wie es gehört, sie ist trügerisch, vielleicht sogar verlogen.

Der Weg geht nicht zurück. Man kann die Geschichte nicht zurückdrehen. Keiner will, dass Facebook, Google und Internet abgeschaltet werden, keiner will auf Reisen in alle Welt verzichten und auf das tolle günstige Warenangebot aus aller Herren Länder. Keiner will auf die Arbeitskraft der Eingewanderten verzichten, keiner auf das Wachstum, die Steuern, die Jobs die uns die Globalisierung und die EU bescheren.

Beim Brexit sieht man ja schon etwas von der Katerstimmung: Man kann die gute alte Zeit nicht per Beschluss wiederhaben, nicht gesetzlich verordnen. Man kann, und das ist das wichtigste, sie vor allem nicht mit Gewalt wiederherstellen.

Denn was machen wir, wenn die die wir für unsere Heile Welt nicht haben wollen da sind, und nicht gehen wollen? Was machen wir mit Frauen, die doch nicht Frauen hinterm Herd sein wollen?

Die ganz dunkle Seite dieser Heile-Welt Sehnsucht ist die Bereitschaft, mit Gewalt etwas herzustellen, was freiwillig nicht funktioniert.

Trump hat das Popular Vote verloren, die Mehrheit war gegen ihn, sein Sieg ist dem Wahlsystem geschuldet, das er zuvor so heftig kritisierte. Jetzt plötzlich findet er es super und fair.

Aber genau daran wird er sich messen lassen müssen: Wie geht er mit der anderen Hälfte um? Mit den Frauen, den Latinos, den Schwarzen? Den Intellektuellen, den Journalisten, den Künstlern?

Wird man eine kaputte Welt durch Gewalt heilen können? Oder wird man sie damit nicht nur noch kaputter machen?

Wir haben Volkstrauertag, liebe Gemeinde, und wir gedenken der Toten aus zwei Weltkriegen, wir gedenken der Opfer von Krieg und Gewalt auf der ganzen Welt.

Und wir sagen: Gewalt kann nicht heilen, sie kann nur zerstören. Wir sagen, aus Hass, Abgrenzung und Gewalt kann nichts Gutes, nichts Heiles, nichts Schönes kommen.

Das Gute mit Gewalt durchsetzen, am deutschen Wesen soll die Welt genesen, mit uns kommt die neue Zeit, das ganze endete in Blutbad und Elend.

Nicht jeder, der Trump gewählt hat, ist ein Idiot, nicht jeder ist ein Nazi, nicht jeder ein Rassist oder Frauenfeind. Genauso wie nicht jeder deutsche Soldat der im Krieg gefallen ist, Nazi, Rassist und Judenhasser war.

Aber sie wurden auch betrogen mit ihren Hoffnungen, ihren Sehnsüchten, ihrem Wunsch nach einem Deutschland, wie es einmal war, stark und selbstbewusst, siegreich und diszipliniert. Mit deutschen Arbeitern, die deutsche Waren für deutsche Kaufleute produzieren.

Sehnsucht, seufzen. Die ganze Schöpfung sehnt sich nach Erlösung nach Heilung sagt Paulus, aber glaubt nicht den selbsternannten Messiassen, glaubt nicht den Heilsbringern dieser Welt.

Denn die Welt hat immer einen Knacks, sie ist immer eine Welt in der Gewalt, Lüge und Betrug eine Rolle spielen, auch die gute alte Zeit war nicht so gut, wie ihr vielleicht denkt. Sie hatte Vorteile, sie hatte Nachteile. Aber sie war keine heile Welt.

Aber wohin mit der Hoffnung? Paulus sagt: Am Ende der Zeit, da werden die Kinder Gottes offenbar werden, da werden leuchten die, die immer unterdrückt waren, die gelitten haben, die geseufzt und geweint haben.

Die Flüchtlinge genauso wie die aussortierten Arbeiter von Detroit. Die Frauen, die in bestimmten Gegenden der Erde noch im Mittelalter leben müssen, genauso wie die Männer die sich nicht mehr zurecht finden in der neuen Zeit. Die Kinder, sagt Paulus. Sie werden leuchten.

Sie werden strahlen. Sie werden glänzen. Die Christen, diejenigen, die ihren Erlöser in Jesus Christus sehen, die werden leuchten. Die Christen, die das Elend nicht aus dem Land jagen oder hinter polierten Fassaden verstecken wollten, sondern die Hand gereicht haben, die werden leuchten.

Am Ende, ganz am Ende wird es offenbar werden, wird es sichtbar werden, da wird es strahlen, leuchten und glitzern: Es gibt sie, die Kinder Gottes, es gibt das Gute in der Welt, es gibt sie doch, die erfüllte Sehnsucht, die Hoffnung, die trägt.

Aber was bedeutet das für uns heute? Leben mit Perspektive auf eine von Gott geheilte Welt, was hat das für konkrete Folgen? Ich versuche mich kurz zu fassen:

  1. Erstmal Misstrauen gegenüber allen Heilsbringern. Jesus allein ist der Heiland. Das war das Bekenntnis der bekennenden Kirche.
  2. Gleichzeitig aber ein konkretes Engagement, diese Welt besser zu machen. Nicht die ganze Welt, aber Wunden heilen, Streit schlichten…
  3. Die Chance nutzen, es hier und da leuchten und glitzern zu lassen. Im Evangelium haben wir es gehört: Arm, krank, im Gefängnis
  4. Aber auch nicht achselzuckend zur Kenntnis nehmen, dass ganze Regionen, ganze Gesellschaftsschichten einfach abgehängt werden. Wenn z.B. unser Kirchenkreis die ländlichen Gemeinden finanziell und personell austrocknet, unsere Gebäude abschreibt und über eine regionale Grundversorgung nachdenkt statt über lebendiges Gemeindeleben, dann müssen wir Widerstand leisten. Auch das heißt es, das Evangelium ernstnehmen, dass niemand zurückgelassen wird
  5. Zuletzt dürfen wir aber nicht vergessen, welchen Reichtum wir hier haben. Wir haben Schule, Krug und Pastorat vor Ort, wir haben Kindergarten, Sportverein, Feuerwehr und Gesangvereine, Sing und Altenkreis, Landfrauen und Frauenhilfe: Pflegen wir das, was wir haben, dann haben wir es in der Hand ob unser Dorf lebt. Und es wird um so lebendiger, wenn wir in unseren Gruppen und Kreisen nicht nur um uns selber drehen, sondern die Aufgaben sehen, die uns gestellt sind: Mit den Flüchtlingen hier vor Ort, mit den Kindern unserer Gemeinde, mit den Alten in unserer Mitte. Hört auf Jesus, seht auf Jesus: dann kann etwas heil werden in unserer Welt, wie durch ein Wunder
    Amen

2 Gedanken zu “Predigt zu Volkstrauertag

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