Luther und der Papst – und wie geht Ökumene heute?

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Teil Eins meiner #DarkLuther Predigtreihe in Großsolt. Zu meinem Geburtstag bekam ich Kasperpuppen von Martin Luther und Katharina von Bora. Die beiden eröffnen die Predigt mit einem Gespräch. (Ja, der Heidelbaer ist Berger-Schüler).

Martin und Käthe:

Katharina: Du sollst nicht immer so schimpfen.

Luther: Aber die schimpfen doch auch.

Katharina: Aber man muss nicht Gleiches mit Gleichem vergelten.

Luther: Es geht nicht um Vergelten.

Katharina: Sage mir nicht immer, worum es geht oder nicht.

Luther: Entschuldige. Aber sie greifen mich an, doch das macht mir gar nicht die Probleme.

Katharina: Ach?

Luther: Nein, sie wollen damit meine Botschaft aus der Welt schaffen. Wenn sie mich zum Schweigen bringen, wer soll dann noch ihren Irrlehren widersprechen?

Katharina: Martin, das darfst du nicht, du darfst nicht schweigen.

Luther: Und deshalb muss ich mich auch wehren, wenn sie mich zum Deppen, Lügner, Verführer, Teufelsanbeter und Verräter stempeln. Sie wollen damit mein Wort entwerten.

Katharina: Dein Wort von der Gnade Gottes.

Luther: Ja, das Wort von der Gnade Gottes. Es geht mir um Jesus Christus, nicht um mich. Letztlich greifen sie doch ihn an. Und auf meinen Jesus lasse ich nichts kommen!

Katharina: Ach Martin, ich wünschte uns nur mehr Frieden…

Liebe Gemeinde.

Martin Luther hat gegen das Papsttum gekämpft, und zwar leidenschaftlich, wütend, polemisch und mit scharfen Worten.

Heute würde man ihn womöglich als Hassprediger bezeichnen, so hart ging er mit seinen Gegnern ins Gericht.

Den Papst und seine Vertreter und Fürsprecher konnte er mit allerlei Tieren vergleichen: Affe, Esel, Frosch – ich habe da einiges gefunden.

Das ganze wurde von seinen künstlerisch begabten Fans auch gerne gleich bildlich umgesetzt, Karikaturen waren gerade für die wenig lesebegabten Menschen zugänglicher als lange Texte.

Insofern ist der Vergleich heute mit Facebook und Twitter durchaus angebracht: Gerade seine Polemiken konnten einen regelrechen Shitstorm entfachen aus Flugblättern und Karikaturen, die Hass und Feindschaft unters Volk brachten.

Die scharfe Polemik fand sich allerdings auch auf anderer Seite, gegen Luther wurde auch gehetzt, und gezeichnet. Mit dem durchaus wichtigen Unterschied, dass zu seiner Zeit die eine Seite die Macht hatte, während Luther wirklich nur sein Wort hatte, und einen brüchigen Schutz durch seinen Landesherrn.

Er war der, dessen Leben durch die Anschuldigungen bedroht war. Er wurde als Ketzer dargestellt, und den letzten dieser Art, Jan Hus, hatte man öffentlich verbrannt. Luther selber dagegen war nicht in der Lage, irgendwem wirklich zu drohen.

Trotzdem sehen wir heute seine oft derbe Sprache kritisch. Man wird einen anderen nicht überzeugen können, wenn man ihn derart beschimpft. Auf der anderen Seite ist es kaum vorstellbar, dass ein versöhnlicherer Luther mit freundlicheren Worten in der damaligen Welt wirklich irgendetwas hätte ausrichten können.

Das bedeutet aber im Umkehrschluss: Wer in einer Welt wie der heutigen meint, ordentlich rumluthern zu können, wird auch nichts erreichen. Heute wird kein Protestant mehr vom Kaiser oder Papst mit dem Tod bedroht, heute brennen keine Ketzer mehr, und deshalb darf, ja  muss man heute zivilisiert streiten: Wertschätzend, ohne Beleidigungen und Beschimpfungen, ohne Drohungen und Polemiken. Und das ist gut so.

Lernen wir das als Erstes: Wo keine Drohung mit Gewalt mehr hinter den Worten steht, zivilisiert sich das Diskussionsklima fast von alleine. Und wo ich auf Beschimpfungen verzichte, erhöhe ich die Chancen auf einen Kompromiss, vielleicht sogar darauf, den Anderen zu überzeugen.

An einem Punkt möchte ich die Luther’sche Polemik aber noch einmal etwas in die Tiefe gehend behandeln: Bei seiner Behauptung, der Papst sei der Antichrist.

Der Antichrist ist zwar nicht der Teufel selber, aber wird in der Bibel als dessen wichtigster Agent im Kampf gegen das Christentum genannt.

Den Papst also als satanischen Verderber der Christenheit zu geißeln, wo er doch Hirte und Lehrer der Kirche sein sollte – das ist ein starkes Stück.

Noch dazu müssen wir feststellen, dass Luther das nicht nur mal so rausgerutscht ist.

Nein, in seiner Lehre zieht sich das wie ein roter Faden hindurch, beginnt mit einer privat geäußerten Vermutung und steigert sich bis zur öffentlichen, systematische begründeten Darlegung, dass nicht nur dieser konkrete Papst wider Christus sei, sondern das ganze Papsttum eine Erfindung des Teufels. Das ist harter Tobak.

Eine Polemik, wo wir heute sagen: Das muss doch nicht sein. Und wo die Evangelische Kirche auch öffentlich und ganz offiziell Abstand von genommen hat.

Aber wie kam Luther dazu?

Nun, vielleicht haben wir es bei ihm beim Dialog mit seiner Katharina herausgehört: Luther hatte eine sehr konkrete Vorstellung davon, was Christum treibet.

Er hatte die Entdeckung gemacht, dass die Gnade durch Jesus Christus erworben ist. Allein durch Glauben daran, wie man ihn aus der Bibel gewinnt, wird man erlöst, erlangt man das Heil.

Und dies stieß sich mit der Wahrnehmung, dass es von seiner Kirche (er war ja katholisch durch und durch) eine Menge Hindernisse und Filter gab, die ihm diese klare Erkenntnis verstellten oder verdunkelten.

Die Kirche, die sich durch ihre Priester, durch ihre Ablässe, durch ihr Mönchtum, ihre Heiligen, ihre Messen und Lehren als Heilsvermittlerin anbot –

Sie erschien ihm wie ein Makler, der dir für teuer Geld ein Haus verkauft, das du bereits geerbt hast. Das dir gehört, weil ein anderer es bezahlt hat. Einschließlich Courtage.

Wenn also die Kirche, statt den Abstand zwischen Gott und Mensch zu verringern, ihn in Wirklichkeit immer größer machte, ja zu einem schier unüberwindlichen Wall aus Regeln, Vorschriften und Ritualen aufbaute – dann handelte sie nach Luthers Auffassung anti-christlich.

So hatte er es als Mönch ja wahrgenommen. Je mehr Pflichten er auf sich nahm, desto ferner wurde ihm Gott, wurde ihm Christus, wurde ihm das Heil. Seine 95 Thesen sollten diese Wälle und Mauern wieder einreißen, den Abstand wieder abbauen, die Menschen unmittelbar mit Jesus Christus und seiner Gnade in Kontakt bringen.

Aber je stärker die andere Seite dann seine Lehre ablehnte, verurteilte und verketzerte, je mehr sie ihre eigene Lehre verteidigte, ja sogar noch verschärfte und geradezu für sakrosankt erklärte – desto sicherer war sich Luther: Hier ist der Antichrist am Werk.

Denn in allen Disputationen und Verhören erlebte er keine theologische Auseinandersetzung mit seiner Lehre, sondern nur Verurteilung von A-Z. Die Forderung zu widerrufen. Und statt mit Argumenten konfrontierte man ihn mit Drohungen, Bannbullen, kaiserlicher Reichsacht, Morddrohung und Lebensgefahr.

So steigerte sich sein Verdacht zur Gewissheit und vom aktuellen Papst weitet er seine Kritik auf das Papsttum als ganzes aus, das er am Ende seines Lebens als ganz und gar teuflische Institution ansieht.

Zu diesem Zeitpunkt war allerdings schon absehbar, dass die katholische Seite tatsächlich willens war, die Furie des Krieges zu entfesseln, um das Luthertum auszurotten. Luther wusste bereits aus eigener Erfahrung, was bereits kleine bürgerkriegähnliche Scharmützel für ein entsetzliches Morden und Sterben auslösen konnten.

Die Vorstellung, ein solches Elend, ein Morden und Brennen über die braven Menschen zu bringen, die nur der Schrift und ihrer Vernunft gehorchend, seine Lehre angenommen hatten, muss ihm wirklich wie eine ganz üble List des Teufels vorgekommen sein.

Aber wie kommen wir heute aus der Nummer wieder raus? Jahrhundertelang hatte es bei Evangelischen quasi Bekenntnisrang. Papst=Antichrist. Die Schmalkaldischen Artikel, in denen diese Gleichsetzung steht, waren Teil der lutherischen Bekenntnisschriften, auf die alle Pastorinnen und Pastoren eingeschworen wurden.

Mittlerweile haben die eine ganz dicke Fußnote, in der die von Synoden und Kirchenleitungen beschlossenen Distanzierungen explizit festgehalten werden.

Distanzierung ist das erste Stichwort: Den zeitlichen Abstand nutzen, um auch inhaltlichen Abstand herzustellen. Abstand herstellen heißt auch, die andere Seite nicht mit dem Rücken an die Wand zu drücken, sondern durch einen Schritt zurück Spielräume zu schaffen für Gespräch und Kompromiss.

Die kritischen Punkte, die Luther ja auch zu Recht anmerkt, sollen wir ansehen, und gleichzeitig wahrnehmen, was sich geändert hat. Sichtbar gerade mit Franziskus. Luther prangerte Macht,  Prunk,  Arroganz, und  Gewalt des Papsttums an. Gerade der aktuelle Papst hält von all dem auch nichts.

Der Ablasshandel existiert nicht mehr. Die Theologie dahinter ist zwar nicht aufgehoben, aber sie wird nicht mehr vermarktet und zu Geld gemacht. Das macht vieles im Gespräch leichter, auch wenn man nicht einer Meinung ist.

Aber noch wichtiger ist es, das wahrzunehmen, was man heute alles gemeinsam hat. An Aufgaben, aber auch an Theologie.

Als Aufgaben stellen sich heute Herausforderungen, die einfach allen Christen gelten: Diakonie, große Krisen, Hungerkatastrophen, Flüchtlingsbewegungen, die überwinden wir nicht im konfessionellen Klein-Klein. Mission und Evangelisation: Wir haben eine völlig entkirchlichte Landschaft hier in Deutschland, wir haben große religiöse Fragen in der Welt. Wenn wir uns nur mit unserem inner-christlichen Streit beschäftigen, sind wir nicht nur ineffektiv, sondern auch unglaubwürdig.

Deshalb sollten wir über die Unterschiede in der Theologie friedlich diskutieren – denn das war’s doch, was Luther eigentlich wollte – er hatte damals nur keinen Partner, der sich darauf einlassen wollte. Aber so waren seine Thesen gemeint: Als Diskussionsbeitrag.

Aber sein wirkliches Herzensanliegen, das was er, ganz eigentlich wollte, war: Jesus Christus in den Mittelpunkt stellen.

Liebe Gemeinde: Wenn uns das gelingt, können sich bei ihm, bei Jesus,  Evangelische und Katholische treffen. Auch Orthodoxe, Freikirchler – vielleicht sogar Kritiker, Skeptiker und Humanisten.

Lasst uns in aller erster Linie Kirche Jesu Christi sein, nicht evangelisch, katholisch oder sonstwie konfessionell – sondern christlich, in unserem Reden, unserem Glauben, unserem Tun.

Amen

 


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