Luther und die Bauern – und wie geht politisch predigen heute?

Dies ist Teil 2 meiner Predigtreihe #DarkLuther, in der ich mich anlässlich des Reformationsjubiläums mit den dunklen Seiten des Reformators auseinandersetze.

Vorspiel mit Handpuppen: Martin und Käthe

  • Luther: Diese Bauern, dieses PACK.
  • Katharina: Martin, so redet man nicht.
  • Luther: Tollwütige Hunde sind sie!
  • Katharina: Martin!
  • Luther: Hast du es denn nicht gehört? Was in Weinsberg passiert ist?
  • Katharina: Da gab es einen Aufstand, oder?
  • Luther: Aufstand? Es war ein Massacker! Sie haben Hand an den Grafen Ludwig von Helfenstein gelegt. Und ihn mit Spießen zu Tode gefoltert. Seine Frau und sein Kind haben um Erbarmen gefleht, aber der Blutdurst war größer als jeder Anstand, jede Moral, jedes Erbarmen.
  • Katharina: Das ist ja entsetzlich!
  • Luther: Und weißt du was: Die Weinsberger Bürger schauten zu, als ginge es sie nichts an. Sie versteckten sich in ihren Häusern.
  • Katharina: Was sollten sie auch tun?
  • Luther: Weinsberg ist eine Stadt mit festen Mauern, jeder hätte dort stehen müssen und sie gegen die Rotten verteidigen müssen. Jeder! Stattdesen hat man es dem Fürsten und seiner kleinen Eskorte allein überlassen, sein Leben zu schützen. Sie waren zigfach unterlegen.
  • Katharina: Und konnten die Stadt nicht halten?
  • Luther: Wie auch? Wenn die Bürger sich verstecken? Tapfer gekämpft haben sie, und als sie sich ergaben, wurden sie den mordlustigen Buben der Bauern ausgeliefert, die noch ihren Spaß hatten, den Grafen zu Tode zu malträtieren. Ich muss etwas schreiben!
  • Katharina: Martin, es ist schon spät. Und schreibe nicht im Zorn.
  • Luther: Oh, und ob ich im Zorn schreiben werde, im heiligen Zorn Gottes werde ich schreiben, und ich werde alle Christen aufrufen, sich den mörderischen Rotten und Horden der Bauern entgegenzustellen. Würgen soll man sie abstechen und totschlagen. Wie tollwütige Hunde, ehe sie noch mehr Bauern und Bürger anstecken, und das ganze Land im Chaos versinkt.
  • Katharina: Martin! Du redest von Hauen und Stechen! Als Theologe und Christ?
  • Luther: Wer nicht anders zur Vernunft zu bringen ist, wer nicht seine Waffen fortwirft und wieder an seine Arbeit geht, wer weiter die Furie des Krieges entfesselt und nährt und Deutsche gegen Deutsche hetzt, und die Obrigkeit nicht als Gottes Dienerin anerkennt, der hat es nicht besser verdient!
  • Katharina: Martin, wenn das kein Unglück gibt!
  • Luther: Es gibt kein größeres Unglück, als dass sich alle Ordnung auflöst und am Ende jeder gegen jeden kämpft. Hier Katharina: Wir haben Kinder, wir leben sicher, essen unser Brot in Frieden. Das geht doch nur weil Friedrich ein weiser Fürst ist.
  • Katharina: Aber nicht jeder Fürst ist weise.
  • Luther: Aber lieber ein eigenartiger Fürst, als gar keiner. Als Chaos, Krieg und Anarchie. Und überhaupt, wer von uns beiden ist denn eine von-und-zu?
  • Katharina: Ach Martin!

Liebe Gemeinde.

Heute geht es um Politik.

Eine von Luthers verstörendsten Schriften ist seine Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“. Was er darin geschrieben hat, habe ich im Puppenspiel versucht zusammenzufassen.

Drei Teile soll meine Predigt haben:

  1. An welchen Punkten können wir seine Haltung damals nachvollziehen?
  2. Was ist – aus heutiger Sicht – problematisch, ja sogar brandgefährlich an Luthers Schrift?
  3. Und wie geht politisch predigen eigentlich heute?

Zum Ersten: Luthers Haltung gegen die Bauern wird heute ja zu recht kritisch gesehen, und damals übrigens auch. Zu hart, zu hetzerisch, zu brutal – und unbarmherzig, ohne jedes Verständnis auch für die Not der Bauern und die Ungerechtigkeit der Verhältnisse unter denen die Menschen damals lebten und litten.

Und das seien doch christliche Werte: Barmherzigkeit, Verständnis, Gerechtigkeit. Wie kann ein kluger Theologe wie Luther das vergessen, der diese Begriffe ja auch rauf und runter Predigt – man stelle sich Luthers Theologie nur mal ohne Gnade vor, ohne Barmherzigkeit, ohne Gerechtigkeit: Es bliebe nichts, wirklich gar nichts übrig.

Zumal er, ausgerechnet er, sich in seiner Schrift dazu versteigt, dass Christen, die im Kampf gegen die Bauern zu Tode kämen, wahre Märtyrer seien und direkt in den Himmel kämen. Ein evangelischer Dschihad sozusagen.

(NB.: Glauben Sie bitte niemandem, der behauptet, es gäbe sowas nicht in christlich, schon gar nicht in evangelisch. Und wer behauptet der Islam bräuchte auch mal so einen Luther, sollte sich das noch mal überlegen)

Wie kommt er dazu?

Grundlage ist seine 2-Reiche-Lehre.

Reich zur linken und rechten Gottes.

Diese Unterscheidung ist immens wichtig: Weltordnung und Heilsordnung. Heilsordnung läuft unter Bibel, Gnade, Barmherzigkeit, Vergebung es regiert die Liebe.

Weltordnung Recht und Gesetz, Taten zählen, Gut und Böse, Strafe und Schwert, – es regiert die Vernunft.

Wenn es um Politik geht, um Bauernaufstände, dann ist es keine Frage von Liebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit aus Gnade – sondern eine Frage von Vernunft und wirkungsvollen Taten.

Luther sagt: Die wichtigste Aufgabe des Reiches zur Linken, also der Weltordnung ist die Abwehr von Chaos und Anarchie.

Luther ist kein Humanist. Er glaubt nicht, dass der Mensch in sich gut ist, und nur durch die sozialen und politischen Verhältnisse verdorben wurde.

Im Gegenteil, Luther sieht den Menschen als böse, an, als einen, der wenn er keine Strafe fürchtet, zu allen möglichen Schandtaten bereit ist.

Gibt es keine Ordnung, keine Obrigkeit, die das Gute belohnt und das Böse bestraft, dann so ist sich Luther sicher, bricht Chaos und Anarchie aus, jeder gegen jeden.

Wir sehen das heute ja zum Beispiel im Irak, in Libyen und Somalia: Niemand zweifelt daran, dass das unterechte Diktatoren waren, die dort regierten, aber ihre Beseitigung bracht keinen Frieden, Wohlstand und Gerechtigkeit.

Stattdessen Chaos, Anarchie, Bürgerkrieg. Und viele fragen sich mittlerweile: War das gut? War es das wert? Und damit stellt sich die Frage ernsthaft: Ist letztlich nicht JEDE Obrigkeit besser als keine?

Das – und damit komme ich zum zweiten Punkt – sehen wir heute anders. Nach Auschwitz wissen wir: Es gibt Obrigkeiten, die erfüllen ihre biblische Aufgabe nicht, ja, sie verkehren sie sogar ins Gegenteil.

Denn wir haben es in Römer 13 gehört: Die Obrigkeit ist Gottes Dienerin, weil und insofern sie das Gute belohnt und das Böse bestraft. Damit hält sie Ordnung aufrecht, Ordnung, mit der Gott für uns sorgt und uns vor bösen anderen Menschen schützt.

Wo aber Obrigkeit das Böse belohnt und das Gute bestraft, wird sie zur Un-Ordnung, und ja, wenn sie als staatliche Gewalt das Morden, Rauben und Schänden sogar perfekt organisiert, dann ist sie tatsächlich schlimmer als jede Anarchie.

Eine Obrigkeit, die ihre gesamte Macht, die Gott ihr verliehen hat, ausnutzt, um Menschenvernichtung zu betreiben, um Menschen ihrer Würde, ihres Hab und Guts, ihrer Heimat und ihres Lebens zu berauben, aus pseudo-religiösen oder pseudo-wissenschaftlichen Gründen, die muss weg, und zwar je eher desto besser.

Das haben viele Lutheraner in der Nazizeit nicht wahrhaben wollen, nicht wahrnehmen können, nicht in dieser Schärfe erkannt – und viel zu lange mit Römer 13 in der einen und Luther in der anderen Hand gegen jeden Widerstand gegen Hitler angepredigt.

Und gerade deshalb schließe ich mich auch einer anderen Kritik an, die viele von Luthers Zeitgenossen hatten. Doch, auch der Ton macht die Musik. Wenn Vernunft in der Politik regieren soll, dann muss man in der Lage sein, auch seine Leidenschaft zu zügeln.

Und wo Menschen mit kranken Tieren verglichen werden, da hört der Spaß auf. Genau diese entmenschlichenden Töne führen dann zu unmenschlichem Verhalten.

Tollwütige Hunde gehören in die Abdeckerei. Und so arbeiteten Auschwitz und Treblinka.

Und damit zum dritten und letzten Punkt: Wie geht politisch predigen heute? Das Wahrheitsmoment von Luthers Zwei-Reiche-Lehre sollten wir – bei aller berechtigten Kritik an seiner eigenen Umsetzung – nicht über Bord werfen.

Diese Lehre schützt vor politischer Ideologie im christlichen Gewande. Keine Politik, keine Partei sollte sich als besonders „christlich“ inszenieren, weder die CDU, die das C im Namen trägt, noch die Grünen, die auf Kirchentagen die Agenda zu setzen scheinen.

Nichts soll für uns Christen deshalb gewählt werden, weil es sich christlich gibt, wenn es nicht zugleich auch vernünftig ist. Dass ist der Maßstab, den Luther uns ans Herz legt.

Und das ist gleichzeitig der Maßstab, der uns auch hilft, seine spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Konzepte zu revidieren, nämlich wenn uns Vernunft und Gottes Wort etwas anderes lehren.

Und das ist mehr als nur Widerstand gegen Nazis, das nervt sogar, wenn immer alles, was wir doof finden immer gleich Nazi sein muss, damit wir auch gegenanpredigen können.

Nein, heute funktioniert Obrigkeit anders. Wir leben in einer Demokratie. Damit sind wir alle Obrigkeit. Wir sind nicht mehr nur Untertanen. Wir haben Verantwortung bekommen von Gott, für gut Regiment zu sorgen in unserem Land.

Und deshalb müssen wir uns mit Politik auseinandersetzen, deshalb müssen wir diskutieren und streiten, mit Anstand, mit Respekt, mit Worten. Und wir sollten es christlich tun, vor allem in der Form, im Respekt vor dem Gegenüber.

Ja, wir dürfen weiter von Luther lernen, dass das Reich Gottes aus lauter Liebe und Güte und Gnade noch nicht da ist. Wir dürfen aber auch ganz rational feststellen, dass eine Obrigkeit, die immer nur dreinschlägt kein vernünftiges, gutes Regiment ist.

Ja, was Luther nicht gesehen hat, war, dass seine Wahrnehmung dass die Menschen böse sind, und Gewalt ausüben, zumindest zu einem Teil auch aus der Gewalt resultierte, die ihnen angetan wurde.

Ich bin kein lupenreiner Humanist, ich glaube nicht, dass paradiesische Verhältnisse automatisch auch heilige Menschen hervorbringen. Das Böse ist immer auch in uns drin.

Unausrottbar.

Aber gerade darin widerspreche ich Luther: Um dieses Böse in den Griff zu bekommen, ist Gewalt nicht die beste, nicht die vernünftigste und schon gar nicht die einzige Lösung.

Sondern ganz, wie Paulus es sieht: Neben dem Bestrafen des Bösen ist Aufgabe der Obrigkeit, das Gute zu belohnen.

Und unsere Wissenschaft stellt fest: Das Belohnen wirkt stärker als die Strafe. Dazu gibt es diverse Versuche, Tests und Beweise.

Gut Regiment soll das wissen, soll deshalb Belohnungen bieten, Perspektiven, Chancen, Aufstiegsmöglichkeiten – ja auch Resozialisierung, Therapie und offenen Vollzug.

Das ist – bei allen schlimmen Rückschlägen – erfolgreicher in der Verbrechensbekämpfung als ein Law-and-Order Staat. Oder wollen Sie wirklich lieber in Amerika leben? Vergleichen Sie unsere Kriminalitätsstatistik mit irgendeinem Law-and-Order Staat.

Auch unsere soziale Marktwirtschaft funktioniert gerade deshalb so gut, weil unser Egoismus, den wir alle haben, so gelenkt wird, dass auch die schwächsten davon profitieren. So geht gut Regiment heute.

Doch das Chaos muss weiter abgewehrt werden, das, was unser Leben bedroht. Darüber wird weiter zu streiten sein.

Was bedroht uns gerade am meisten? Die veränderte Weltpolitik mit Russland und den USA? Die Flüchtlingskrise mit ihren Ursachen und Wirkungen? Der Klimawandel?

Christen dürfen da nicht weiterzappen, wir sind leider mit auf dem Fürstenstuhl und werden von Gott gefragt werden, was wir getan haben, den Menschen in Deutschland das zu bewahren:

Im Frieden sein Brot zu essen, seine Kinder aufwachsen zu sehen, sich der Früchte der eigenen Hände Arbeit zu erfreuen, sich zu verlieben und einen friedlichen Tod zu sterben.

Denn auch das lehrt uns Luther: Lerne das zu schätzen, es ist keine Selbstverständlichkeit, sondern gleichzeitig eine Gabe Gottes und die harte Arbeit derer, die in Verantwortung stehen. Für sie sollten wir nie aufhören zu beten.

Amen


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