Hintergrund: Tempelberg

Es gibt im ganzen Staat Israel keinen heiligeren Ort als den Tempelberg. Alle drei monotheistischen Weltreligionen verknüpfen mit diesem Berg zentrale Geschichten ihrer heiligen Schriften, ihrer religiösen Tradition: Die Bindung Isaaks, das Allerheiligste des salomonischen Tempels, das Handeln und Predigen von Jesus und seinen Aposteln, die Himmelfahrt Mohammeds und viele weitere Legenden und Mythen.

Es hat eine blutige Geschichte gegeben, über die Frage, wer diese heilige Stätte besitzen, kontrollieren und verwalten darf. Und im Prinzip ist jedem vernünftigen Menschen klar, dass man sie irgendwie teilen muss, wenn man kein unendliches Leid und Blutvergießen um diese paar Quadratmeter Land riskieren will. Und allen hippen Religionskritikern sei gesagt: Dieser Überzeugung sind auch die frömmsten der Religiösen. Gerade die. Denn ihnen ist es egal, wer Eigentümer ist, solange der sie friedlich dort beten lässt.

Aus dieser Überzeugung stammt die in der Debatte immer wieder erwähnte Bewahrung des „Status Quo“. Denn so wie es jetzt ist, können eigentlich alle damit leben, und es müsste kein Streit geben. Jeder Versuch, den Status Quo zu ändern steht im Verdacht, den labilen Frieden zu gefährden und womöglich einer Seite das Recht dort in Frieden zu beten zu nehmen.

Was ist der Status Quo: Status Quo ist, dass das Areal des Tempelberges zwar als Teil von Ostjerusalem von Israel annektiert, also als Teil des Staatsgebietes gesehen und behandelt wird, aber das zivilrechtliche Eigentumsrecht bei dem muslimischen Waqf und dem Staat Jordanien liegt. Sie haben das Hausrecht in den Moscheen (Felsendom und Al-Aqsa), ihnen gehört auch das öffentlich zugängliche Gelände.

Öffentlich zugänglich trifft es aber nur halb, denn Juden ist das öffentliche Beten auf dem Gelände verboten. Wenn Israel Polizisten auf dem Tempelberg einsetzt, sind das stets drusische Männer (keine Frauen, keine Juden oder Christen), die als muslimische Strömung zwar nicht von allen Gelehrten als rechtgläubig angesehen werden, aber (ähnlich wie es für Mekka und Medina ja auch gilt) Zugang zu islamischen Heiligen Stätten haben.

Dass Israel überhaupt den Zugang kontrolliert, liegt daran, dass die Juden die Westmauer des Tempelberges (bekannt als „Klagemauer“) als ihre heilige Stätte ansehen, und damit zwar nur den kleinsten Teil des heiligen Ortes für sich zum Beten in Anspruch nehmen, aber dort auch am gefährdetesten sind. Denn die Mauer ist hoch, und vom Plateau aus geworfene Steine können Betende dort leicht verletzen und sogar töten. Da dies in der Vergangenheit mehrfach versucht wurde, gibt es Einlasskontrollen.

Die Christen dagegen haben ihr wichtigstes Heiligtum in der Grabes- (oder besser Auferstehungs-) Kirche, die zwar auch von einer muslimisch-arabischen Familie verwaltet wird, aber auch Christen aller Konfessionen Zutritt gewährt. Auf dem Tempelberg und an der Westmauer treten sie nur als Touristen auf, und müssen sich dann an die Bekleidungsvorschriften halten.

Der Status Quo, wie er also jetzt besteht und wie ein rohes Ei behandelt wird, besteht so seit 1967 – mit der Einnahme Ostjerusalems durch die Israelis. Er orientiert sich aber an den Gepflogenheiten, die auch schon unter britischer, ja sogar osmanischer Regentschaft im Heiligen Land galten. Nur nach dem Unabhängigkeitskrieg Israels 1948 fiel die jüdische Altstadt an die jordandischen Truppen. Sie wurde komplett zerstört, die Westmauer für Juden unzugänglich gemacht und durch Latrinen geschändet.

Mit der Rückeroberung durch die israelischen Truppen im Sechstagekrieg ist immer die Befürchtung auf arabischer Seite präsent, Israel könnte sich dafür rächen, und auch die muslimischen Heiligen Stätten sperren, entweihen, zerstören – und einen eigenen jüdischen Tempel dort errichten, wie Hardliner es auch immer wieder forderten, oder sogar versuchten.

So führen selbst oberflächlich betrachtete Harmlosigkeiten wie der Besuch des späteren israelischen Premiers Sharon auf dem Außengelände des Tempelberg-Plateaus zu gewaltsamen Reaktionen und blutigen Eskalationen. Umgekehrt kann Israel im Falle von Gewalttätigkeiten den Zugang zum Tempelberg für muslimische Gläubige beschränken, die dies als Kollektivstrafe und Schikane empfinden.

Aktuell ist der Tempelberg wieder auf der Tagesordnung: Der Angriff mit Schusswaffen von Terroristen auf israelische Polizisten (die, wie oben gesagt, zur drusischen Minderheit gehörten) bricht den Burgfrieden auf diesem Areal. Dass bei folgenden Durchsuchungen Depots mit Waffen gefunden wurden, macht die Lage noch schlimmer. Israels Reaktion war absehbar, die Zugangskontrollen werden verschärft, Metaldetektoren aufgebaut.

Schon wittert die palästinensische Seite wieder eine schleichende Änderung des Status Quo, wie immer, wenn Israel seine Zugangskontrolle dazu nutzt, auch das Geschehen auf dem Tempelberg selbst zu beeinflussen. Demonstrativ wird vor den Kontrollpunkten gebetet, Tage des Zorns ausgerufen, mit Eskalation bis hin zu Intifada – also dem bürgerkriegsähnlichen Zuständen – gedroht.

Dies entspricht dem palästinensischen Narrativ, dass nur die unmittelbare Drohung entfesselter Gewalt Israel daran hindert, den Muslimen der Region ihr Heiligtum wegzunehmen. Auf der Ebene der faktischen Wirklichkeit ist das wenig nachzuvollziehen, weil Israel schon 50 Jahre die volle militärische Kontrolle hat, und jeder Versuch, sie mit Gewalt zurückzuerobern, ob mit militärischen Invasionen oder Volksaufständen stets gescheitert sind.

Dennoch hat es von israelischer Seite keinen ernsthaften Versuch gegeben, diese Überlegenheit zu einer Änderung des Status Quo zu nutzen. Es ist also kaum die Angst vor Gewalt, sondern es sind moralische, politische, diplomatische, religiöse und ganz pragmatische Argumente, die den Staat Israel dazu bewegen am Status Quo festzuhalten.

Umgekehrt ist die Frage allerdings schwieriger zu beantworten: Ist die arabische Seite dem Status Quo wirklich verpflichtet? Alle Äußerungen palästinensischer Organisationen lassen großen Zweifel daran aufkommen. Dass sich eine aus Fatah oder Hamas gebildete Regierung über Ostjerusalem – sollte es je dazu kommen, wirklich die Rechte der jüdischen Betenden an der Westmauer genauso entschieden schützt, wie die jüdische Regierung das mit den Muslimen auf dem Tempelberg tut, das ist nicht zu erwarten.

Insofern ist zu hoffen, dass sich die Gemüter dort bald wieder abkühlen. Es muss aber gerade von den Verantwortlichen in der Palästinensischen Autonomiebehörde, im Gazastreifen und auch in Jordanien verlangt werden, dass sie den Bruch des Tempelbergfriedens nicht als Märtyreraktion glorifizieren, sondern als Gefährdung des Status Quo verurteilen. Wenn er als zerbrechliches Gut, als rohes Ei zu behandeln ist, dann von allen Seiten.

Heidelbaer

PS.: Danke an @LilaR und @eli140483 für sachliche Korrekturhinweise.

 

 


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