Schulz, das Missverständnis

Nun kann er einem leidtun, der Martin Schulz. Was für ein kometenhafter Aufstieg, was für ein sang- und klangloser Fall ins Bodenlose. Zeit für einen politischen Nachruf.

Zunächst: Ich habe ihn nie so richtig gemocht. Ich mochte seine polternde Art als EU-Parlamentspräsident nicht, seine Rede vor der israelischen Knesset war zwar voll auf Linie einer pro-palästinensischen EU, aber für einen deutschen Politiker geradezu beschämend schlecht.

Ich habe mich deshalb gewundert, warum die SPD ihn plötzlich so liebte. 100 Prozent – das geht nicht besser. Was finden die an dem? Ich glaube, gerade die Aspekte, die Leute wie Gabor Steinart von Anfang an kritisierten waren ausschlaggebend: Kein Abitur, Trinkerkarriere, keine Regierungserfahrung auf Landes- oder Bundesebene.

Alles Nachteile, die plötzlich Vorteile waren: Ein Mann, mit dem die SPD sich abgrenzen konnte. Von der Union, weil er kein Teil der Großen Koalition war. Denn Nahles, Gabriel, ihnen allen konnte man immer die Frage stellen: Was habt ihr denn die letzten 4 Jahre in der Regierung gemacht?

Aber auch Abgrenzung von den Grünen, die immer mehr so ein intellektuell-elitäres Latte-Macchiato-Image hatten. Ökofair natürlich. Da war ein Schulz, der auch mal ein Bier zu viel getrunken hat eine Identifikationsfigur mit der die SPD Stammwählerschaft das Gefühl haben durfte, das ist einer von uns.

Und nicht zuletzt war Schulz die Chance, mit seiner polterigen Art Stimmen von den Populisten zurückzugewinnen, Linke und AfD gleichermaßen. Er war nicht direkt einer von der Straße, aber definitiv keiner vom Establishement. Einer der nicht alle Worte auf die Goldwaage legt, dem auch mal der Kragen platzt, der sich nicht den Mund verbieten lässt.

Dafür bekam er 100 Prozent. Er war das Gesicht der #NoGroKo Bewegung der SPD. Er schloss es folglich auch persönlich aus, mit Merkel in ein Kabinett zu gehen. Lieber Oppositionsführer, eine Rolle, die er sicher gekonnt hätte. Oder sogar Neuwahlen, zweite Chance sich als Volkstribun und künftiger Kanzler aufzubauen.

Aber da täuschten die 100%. Denn so ungeteilt seine Zustimmung war, so echt auch die Hoffnung war, mit ihm eine Wende zu schaffen und die SPD als Arbeiterpartei wieder mit ihrer Basis zu versöhnen. So wenig hatte Schulz eine echte eigene Hausmacht in der Parteispitze. Er war Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender. Aber seltsam einsam und unverbunden mit denen, die ihn da vorne hingestellt hatten.

Und dann enttäuschte er ihre Hoffnungen. Der Schulzzug, der so rasant startete, kam ins Stocken. Er riss die Massen nicht mit, sein Wahlkampf lahmte, das Umfragehoch erwies sich als Strohfeuer, seine Beteuerung, Kanzler werden zu wollen klang hohl und irgendwann lächerlich bis grotesk. Und unmerklich machte sich bei ihm und dem Rest der SPD-Spitze der Zweifel breit, ob er der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz ist.

Die Wahl wurde zu einer schlimmen Niederlage für die SPD. Und eben auch für Schulz. Erste Fragen kamen auf, ob nicht personelle Konsequenzen gezogen werden müssten. Aber Schulz beharrte auf seinen Posten, und Fraktion und Partei hielten zu ihm, auch wenn man spüren konnte, dass es mehr Trotz war, als Überzeugung.

Als dann die Jamaika-Sondierungen liefen, schöpfte man neue Hoffnung: Erneuerung in der Opposition. Nahles‘ „auf die Fresse“ war eine Art Schulterschluss mit Schulz. Fraktion und Partei jetzt als rustikale Front gegen Merkel und die Hipsterclique um Lindner und Göring-Eckhard, das fühlte sich gut an. Dann kniff Lindner.

Schulz gab die Parole Neuwahlen heraus, und dann passierte das, was passieren musste. Die SPD-Spitze ließ ihn allein. Steinmeier als Bundespräsident und SPD-Größe zerlegte diese Pläne fast im Alleingang, allerdings hatte er allzuviele Genossen, die sich zügig auf seine Seite schlugen: Deutschland braucht die SPD, Staatsräson vor Parteitaktik.

Damit war Schulz erledigt: Plan A, Kanzlerschaft demütigend gescheitert, Plan B, Oppositionsführer vom Genossen Bundespräsident zerlegt. Plan C, Große Koalition hatte er persönlich ausgeschlossen. Hier hätte er sagen müssen: Gerne, aber ohne mich. Doch das hätte die SPD womöglich gespalten. Also hat er sich die Gummistiefel angezogen und ist in die Sondierungen gegangen. Aber sein Plädoyer dafür wirkte müde.

Europa war sein neues Thema. Das war zwar für einen Ex-EU-Parlamentspräsidenten glaubwürdig, aber es war nicht mehr das Thema der SPD-Basis. Es war eher gelbgrün als rot. Trotzdem verhandelte er hart und ziemlich erfolgreich: Mit dem Finanz- und Außenministerium in SPD-Hand hätte er seine europäischen Ziele weit voranbringen können.

Aber dass er selber das beanspruchte bedeutete einen Wortbruch gegenüber der Basis, und auch gegenüber seinem Genossen Gabriel. Und beide nahmen es ihm übler, als er das erwartet hatte. Ohne echte Freunde in der Spitzenriege, ohne einen mächtigen Landesverband, der ihn stützte, ohne eine Parteibasis, die ihn als ihren Mann in Berlin sieht – ohne diesen Rückhalt wurde er zu einem Nichts.

Sein Rücktritt als Parteichef, sein Rückzug vom selbst erstrittenen Außenamt waren die logischen Konsequenzen. Er war Hoffnungsträger für eine Hoffnung die sich nicht erfüllte. Aber als Politiker fehlte ihm letztendlich Format und Fortune, Freunde zu überzeugen, Wähler zu gewinnen, und Gegnern Respekt abzutrotzen.

Obwohl ich ihn nicht gemocht habe, tut er mir leid. Er hat gekämpft und verloren, er hat dennoch für seine SPD einiges erreicht in der Sondierung, de facto führt Merkel ein SPD-Kabinett. Und von 100 auf Null zu stürzen tut einfach weh, und nicht alles lief fair. Dennoch glaube ich, der Schritt war richtig. Die SPD sollte „Danke Martin“ sagen, und muss nun sehen, wie sie sich ohne ihn erneuern kann.

Heidelbaer


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