10 Kleine Tipps zur Wahrheitsfindung

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Bei diesem Satz, der irgendwo auf der Grenze zwischen Weisheit und Platitüde balanciert, droht eine Gefahr: Dass man nämlich aufgibt, sie zu suchen, womöglich behauptet, es gäbe sie gar nicht mehr.

Deshalb soll hier der Versuch unternommen werden, ein paar auch für Laien handhabbare Tipps zusammenzutragen, denn was Wirklichkeit ist, und was gelogen, das ist zwar schwer zu unterscheiden, aber letztlich für unsere Entscheidungen wichtig.

Als Beispiel nehmen wir die Berichte über einen Giftgas-Angriff in Douma, Syrien. Hat es ihn gegeben? Wenn ja, wer war dafür verantwortlich? Sind Strafmaßnahmen zu rechtfertigen?

  1. Misstrauen ist gut, aber nicht alles. Denn grundsätzliches Misstrauen gegen alle gleichermaßen nützt nur dem Lügner. Denn wenn seine Lüge gleich wahr ist wie die Wahrheit, hat er gewonnen. In die Falle der Äquidistanz gehen sogar öffentlich-rechtliche Sender, die sich der Neutralität verpflichtet fühlen. Man müsse auch die andere Seite zu Wort kommen lassen heißt es. Wenn im Mittagsmagazin Verschwörungstheoretiker behaupten können, die sterbenden Kinder von Douma seien ein vor Wochen abgedrehtes Schauspiel, ist es mehr als nur eine Geschmacklosigkeit.
  2. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Diese alte Regel ist immer noch gut. Wenn zum Beispiel die russische Seite bei dem Ukraine-Krieg, der Krim-Annexion, dem Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs MH-17 massiv und nachhaltig gelogen hat, sollte man bei weiteren vollmundigen Behauptungen vorsichtig sein. Das gilt auch für die us-amerikanische Seite, die im Vorwege des Irakkrieges mit Lügen operiert hat. Das ist aber erstens länger her, und zweitens hat in der Frage des Angriffs auf Douma die US Seite nicht „exklusives Geheimdienstmaterial“ das sich leicht fälschen lässt, sondern die Bilder des Angriffs stammen von verschiedensten Menschen vor Ort.
  3. Herausfinden, wer bei kritischen Fragen oft richtig lag. In den oben genannten Beispielen waren Leute, die Socialmedia Einträge, Bilder und Videos analysierten oft auf der Seite der Wahrheit. Als Beispiel nur Elliot Higgins und sein Team von bellingcat. Obwohl sie mit relativ bescheidenen Mitteln ausgestattet waren, haben sie mit viel Fleiß und dem unbedingen Willen die Wahrheit zu finden unzählige Lügen enttarnt und Beweise für die Fakten vor Ort gesichert. Dort konnte man nun auch sehen, welche Chlorgasflaschen für den Angriff verwendet wurden, wie sehr sie denen glichen, die schon vormals von Assads Luftwaffe eingesetzt wurden usw.
  4. Zuverlässig nicht der, der sich nie irrt, sondern der Irrtümer auch zugibt. Man kann westliche Medien schnell als „Lügenpresse“ diffamieren, wenn man jeden Fehler aus 50 Jahren zusammenzählt. Da kommt schon was zusammen. Aber dort, wo Medien noch einer kritischen Öffentlichkeit ausgesetzt sind, müssen Fehler auch eingeräumt und zugegeben werden. In staatskontrollierten Propagandasendern kommt das praktisch nicht vor. Die Russen behaupten bis heute, die Ukraine hätte MH-17 abgeschossen, und es ist bewiesen, dass das gelogen ist.
  5. Unzuverlässig ist die Seite, die gleich mehrere Wahrheiten gleichzeitig als Alternativen anbietet: Beim Abschuss von MH-17 wurde uns ein ukrainischer Jet, eine ukrainische Rakete und diverse andere Ursachen präsentiert. Das Ziel, die Wahrheit zu vernebeln war nur zu deutlich. In Douma erleben wir auch, dass gleichzeitig behauptet wird, es sei eine False-Flag Aktion der Rebellen gewesen und dann bestritten wird, es habe überhaupt einen Angriff gegeben.
  6. Auch hinter den Mainstream-Medien, hinter ThinkTanks stecken Menschen. Über Social Media kann man den Leuten vor Ort, den Korrespondenten und Experten selber zuhören, und sich eine Meinung bilden. Englischkenntnisse helfen da allerdings ungemein. Mir haben in der Meinungsbildung zu Douma zum Beispiel folgende Analysen geholfen: https://twitter.com/tobiaschneider/status/982955452047745024
    https://twitter.com/LarsHauch/status/984000564433432577
  7. Praktische Vernunft einsetzen: Wer hat eigentlich vor Ort die Möglichkeiten Chemiewaffen einzusetzen? Wer hat es bislang getan? Wer hat welche Vorräte woher, wer hat die Raketen oder Flugzeuge um sie ins Ziel zu bringen? Wer hat einen militärischen Nutzen? Alle Antworten auf diese Frage deuten auf Assad. Er hat Chlorgas und andere chemische Kampfstoffe, er hat Hubschrauber und Jets, er hat immer wieder Chlor mit seinen Fassbomben eingesetzt, zuletzt ca. alle 6 Tage. Und ein C-Waffen Einsatz erspart ihm verlustreichen Häuserkampf.
  8. Weniger hilfreich sind spekulative „cui bono“ Fragen. Irgendwelche Motive zu finden, ist letztlich nur eine Frage der Phantasie und der überzeugenden Rhetorik. Und selbst wenn es von den USA und Westalliierten jetzt zu Vergeltungsmaßnahmen kommt: Es ist fast auszuschließen, dass sie den praktisch geschlagenen Rebellen noch den militärischen Sieg im Bürgerkrieg bringen. Assad bringt schon jetzt Mensch und Material in Sicherheit, es wird nicht leicht werden einen Militärschlag zu führen, dessen Schaden den militärischen Nutzen dieses einen und der vorangegangenen Gasangriffe aufwiegt.
  9. Es lohnt sich, den verschwörungstheoretischen Aufwand zu beachten. Je mehr Beteiligte eine Verschwörung braucht, desto unwahrscheinlicher ist sie. Wenn es eine Kooperation aus ISIS, White Helmets, türkischem Geheimdienst, CIA und Israel sein muss, damit das ganze funktioniert, ist es weit unwahrscheinlicher, als dass Assad einfach das tut, was er schon immer getan hat.
  10. Die Wahrheit zu wissen bedeutet nicht, automatisch alle Konsequenzen daraus gutzuheißen. Die Tatsache, dass es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zutrifft, dass Assad einen mörderischen, menschenverachtenden und von internationalen Vereinbarungen geächteten Chemiewaffenangriff auf seine eigene Bevölkerung ausgeführt hat, bedeutet nicht automatisch, dass man jetzt militärisch gegen ihn vorgehen muss. Diese Diskussion ist zu führen: Welche moralischen, diplomatischen und militärischen Kosten es hat, ihn wirkungsvoll zu bestrafen oder ihn davon kommen zu lassen. Ihr sollte aber nicht die Schärfe und der nötige Ernst dadurch genommen werden, dass man die Wahrheit der Diskussionsgrundlage in Frage stellt.

Heidelbaer


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