#Netzaktivismus

Es ist eine Besonderheit des Internets, dass es Menschen miteinander verbinden kann, die sonst kaum Möglichkeit zum Austausch haben. Schon in den ganz alten Zeiten der Foren und Newsgroups war das eine enorme Stärke: Menschen mit Behinderungen, speziellen Erkrankungen, besonderen Problemen, Minderheiten aller Art aber auch politische oder gesellschaftliche Gruppierungen, die sich im Mainstream nicht wiederfanden konnten sich vernetzen, austauschen, gegenseitig vergewissern.

Es ist schwer in Worte zu fassen, wie viel Hilfe und Rat ausgetauscht wurde, wie viel Solidarität gespendet wurde, ja man möchte förmlich sagen: Wie viele Menschenleben gerettet wurden. Menschen mit Depression, Autismus, chronischer Müdigkeit, Menschen mit besonderen Allergien oder Komplikationen. Wenn niemand in Familie und Freundeskreis davon eine Ahnung hatte: Im Netz gibt es IMMER jemanden, der genau dein Problem kennt, und weiß wie es sich anfühlt, was hilft – und was nicht.

Das gleiche galt und gilt für besondere sexuelle Orientierung, für religiöse und politische Überzeugungen: Wenn der deutschsprachige Raum, für englischsprechende sogar die ganze Welt als Pool zur Verfügung steht, dann findet man Gleichgesinnte, Verbündete, Seelenverwandte. Eine unglaubliche Ressource.

Und Gemeinschaft macht stark. Gruppen, die gesellschaftlich oft an den Rand gedrängt, in den Schatten gestellt, aus dem Bewusstsein verdrängt werden, können sich organisieren und laut werden. Sie treten aus dem Schatten der Vereinzelung oder auch einer anonymen und verschwiegenen Selbsthilfegruppe heraus, und werden öffentlich. Sichtbar, laut und fordernd. Und das ist gut so.

Das wurde vor allem möglich durch SocialMedia. Über Facebook und Twitter können sie direkt Konzerne, Politiker, Journalisten, Nachrichtenportale ansprechen, und sich aus ihrer Gruppe und zusätzlich einer Schar von Menschen, denen Minderheitenrechten aus prinzipiellen Gründen wichtig sind Unterstützung holen.

Dabei bedienen sie sich einer Technik, die mit einem Bild aus dem Fußball als punktuelles Überzahlspiel bezeichne. Beim Fußball ist es ja auch so, dass normalerweise beide Mannschaften gleich viele Spieler auf dem Feld haben, und es trotzdem einer Mannschaft gelingen kann, Überzahlsituationen zu erzeugen, indem sie ihre Spieler geschickt auf dem Platz verschieben, ein Verteidiger aufrückt oder ein Stürmer nach hinten arbeitet.

Das funktioniert bei SocialMedia genauso: Eigentlich sind die besagten Gruppen, von denen die Rede ist, oft gesamtgesellschaftlich in der Minderheit. Indem sie sich aber auf einen Konzern, eine Politikerpersönlichkeit, ein Nachrichtenportal oder einen Journalisten oder eine Journalistin konzentrieren, und ihre ganze Vernetzung nutzen plus Unterstützung aus anderen Minderheiten, und prinzipiellen Unterstützermilieus einsetzen, gelangen sie punktuell in Überzahl.

Diese Überzahl bleibt auch deshalb oft erhalten, weil sich der oder die Betroffene oft nicht im gleichen Maße der Solidarität und Unterstützung des Restes der Mehrheit versichern kann. Und nochmal: Das ist zunächst enorm positiv: Die Sensibilität für viele Gruppen ist gestiegen, man ist bewusster geworden und früher landläufige Ressentiments werden zumindest von prominenten Persönlichkeiten nicht mehr bedient.

Keiner wird mehr Juden als geldgierig, Autisten als geisteskrank, Homosexuelle als pervers und geistig Behinderte als bekloppt bezeichnen. Und das ist auch ein Verdienst des Netzaktivismus. Dafür sollte man denen, die auf böse Worte, gemeine Vorurteile, implizite Verunglimpfungen und dergleichen achten von Herzen dankbar sein.

Aber. Jetzt muss man auch Aber sagen. Das eine ist eine psychisch/persönliche Komponente: Leute, die den ganzen Tag nichts anderes machen als nach solchen Formulierungen zu suchen, das sind schon spezielle Typen, und wenn sie es nicht vorher waren, dann werden sie es. Es ist fast nicht zu vermeiden.

Um es drastisch zu sagen: Wer sein Leben damit zubringt, im Internet nach Arschlöchern zu suchen die Scheiße schreiben, wird so dermaßen oft und zahlreich fündig, dass für ihn das Netz, und ja die ganze (eigene) Welt am Ende nur noch aus solchen Leuten besteht, denen gegenüber nur eine kleine Schar von aufrechten Gerechten steht, die die aussterbenden Guten sind.

Der viele Mist, den man liest, er vergiftet von innen, so haben es mir viele SocialMedia Nutzer beschrieben. Nicht nur die ganze Welt besteht aus Arschlöchern, man läuft sogar Gefahr, selber eins zu werden. Und aus diesen persönlichen psychologischen Risiken wächst auch ein politisches Risiko, das nicht zu unterschätzen ist.

Denn der Netzaktivismus ist dabei die Mitte zu verlieren. Die ist aber für sein Überzahlspiel ganz entscheidend. Die Menetekel, dass der Netzaktivismus mit seiner Sicht: „alle Arschlöcher außer ich“ sich Feinde bei denen schafft, die er eigentlich als Verbündete braucht, mehren sich. Als Beispiel nur der Widerstand junger Frauen gegen den Netzfeminismus, wo der Artikel von Ronja von Rönne einschlug wie eine Bombe.

Ich könnte unzählige weitere Beispiele nennen. Wie pro-israelische Netzaktivisten eine Shitstorm gegen den Antisemitismusbeauften Michael Blume anzetteln, die Aufregung um die Frage, ob es schon Rassismus sei, wenn die Journalistin Anja Rützel eine Influencerin, die gerne Comedian sein möchte gegen deren Willen als Komikerin bezeichnet – man hat den Eindruck, es wird immer bizarrer.

Hinzukommt, dass der Netzaktivismus nicht mehr allein auf prominente Ziele abzielt, sondern im Grunde jede und jeder, der sich vielleicht etwas unbedacht netzöffentlich äußert, auf Facebook, Twitter, Instagram von den eifrig googelnden NetzaktivistInnen gefunden und der eigenen Followerschaft zum Fraß vorgeworfen werden kann.

Und hier kommt oft das oben erwähnte Persönlichkeitsdefizit der NetzaktivistInnen hinzu. Sie kennen keine Kompromisse, sie haben eine Wolfsrudelmentalität entwickelt, die das Opfer hetzen und zerreißen will. Mit einem „Sorry, das habe ich so nicht gemeint“ sind sie in der Regel nicht zufrieden. Sie wollen bestätigt wissen, dass du ein Arschloch, ein Rassist, ein Chauvinist oder am besten gleich Nazi bist. Vorher hören sie nicht auf.

Die Tragödie entfaltet sich. Die Guten werden zu den bösen, die Täter zu den Opfern und plötzlich steht alles Kopf. Das Überzahlspiel kippt, und die Opfer des Netzaktivismus‘ fangen an, sich zu solidarisieren. Und bilden neue Mehrheiten. Es ist durch Umfragen erwiesen, dass das, was die Neuen Rechten über die ganze westliche Welt eint, und ihnen die größte gesellschaftliche Unterstützung bringt nicht etwa die Migrationspolitik ist.

Es ist der breite Unwille in der Gesellschaft gegen Political Correctness, gegen Sprachverbote. Gegen die Diffamierung Einzelner und ganzer Gruppen als Nazis, weil sie Zigeunerschitzel sagen und Negerkuss. Weil sie sich nicht rechtfertigen müssen wollen, wenn sie aus ihrer Sicht einfach normal sind, und das auch für normal halten.

Und irgendwann haben rechtsgerichtete Personen und Portale gelernt und einfach die Methoden des Netzaktivismus kopiert. Skandale gesucht, punktuelle Überzahlen aufgebaut, notfalls aus dem Zusammenhang zitiert oder Meldungen einfach erfunden. Und Stimmung gemacht, nicht nur gegen die Randgruppen, sondern vor allem gegen diejenigen aus Politik und Öffentlichkeit, die diese stets unterstützten, die (vermeintlich) Linken.

So irre das klingt: Ohne den Netzaktivismus wäre Trump nicht denkbar. Er ist nicht nur ein Fernsehen- er ist auch ein SocialMedia-Phänomen. Er ist berühmt berüchtigt für seine Tweets, mit der er einen Shitstorm nach dem anderen auf sich lenkte, und in seiner unnachahmlichen Art abwetterte und so zum Helden all jener wurde, die schon mal Opfer von Netzaktivismus wurden. Und es zeigte sich: Das waren verdammt viele. Zu viele.

Wir in der Mitte müssen also die Mitte wiederfinden. Dem Netzaktivismus nicht mehr blind folgen, weil wir wissen, dass er die „Nazis“ braucht um seine Existenz zu rechtfertigen, und deshalb notfalls welche erfindet. Wir dürfen die Minderheiten nicht mir ihren netzaktiven oft selbsternannten VertreterInnen gleichsetzen. Und wir dürfen uns keineswegs blind in die Arme der Gegenseite flüchten, denn da sind tatsächlich echte Nazis am Werk, um uns zu manipulieren.

Deshalb sollten die Aufrufe zur Entpörung, die man von Pörksen, Bittner und vielen anderen liest, nicht verhallen. Wir brauchen eine verlängerte Erregungsleitung. Müssen nachlesen und nachfragen, bevor wir uns vor den Karren einer Kampagne spannen lassen. Und auch die Profis sind gefragt: Auch wenn Aufregung gut klickt, und deshalb Geld und Publicity bringt: Es gibt noch so etwas wie journalistische Verantwortung.

Denn am Ende geht es um viel.

Heidelbaer


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