Es kommt ein Schiff…

Sie haben sich festgelegt, auf der Bundespressekonferenz. Der Landesbischof Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD hat sich mit den anderen Ratsmitgliedern geeinigt: Wir kaufen ein Schiff, wir schicken ein Schiff. Wir setzen die Forderung des Deutschen Evangelischen Kirchentages um, und steigen als Evangelische Kirche Deutschlands in die Seenotrettung im Mittelmeer ein.

Das ist ein starkes Signal, das sofort unterschiedlichste Reaktionen auslöste. Begeisterte Zustimmung bei denen, die der alten immer abwägenden Kirche einen solch mutigen Schritt nicht zugetraut hätten – und blankes Entsetzen, ja sogar Wut, Hass und Ablehnung bei denen, die schon immer den Verdacht hatten, die Kirche definiere sich nur noch über moralinsaure Gutmenschlichkeit links-grüner Färbung.

Im folgenden Blogbeitrag will ich versuchen, die verschiedenen Argumenten auf ihren theologischen, politischen, und praktischen Ebenen zu würdigen, und dann auch selber Position zu beziehen in dieser heiklen Frage, bei der es ja um viel geht, nicht nur Ansehen und Zukunft der Kirche sondern auch um Menschenleben, das darf man nicht vergessen.

Theologische Argumente

Wenn Kirche etwas tut, dann frage ich zunächst nach der Theologie. Grundlage für kirchliches Handeln sollte Gottes Wort in der Bibel und dessen Interpretation in unseren Bekenntnissen sein. Oder kurz gesagt: Jesus Christus. Wir handeln in seinem Namen, und das muss der Maßstab sein.

Ein Schiff zu schicken, ist die praktische Umsetzung des Gebotes der Nächstenliebe. Und die hat Jesus im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter klar auf den Punkt gebracht: Wir dürfen den „Nächsten“ nicht wörtlich interpretieren als der, der uns nahe ja sogar am nächsten ist. Dann gäbe es nämlich eine Grenze.

Jesus hat aber mit der Erzählung vom Samariter genau diese Grenze aufgehoben. Die Frage, wer denn mein Nächster sei, die genau darauf abzielt, diese Grenze zu definieren: Wer ist mein Nächster – und wer nicht? Wen darf ich guten Gewissens verrecken lassen, weil er mich nichts angeht? Dem widerspricht Jesus entschieden.

Er fordert den Fragenden (und uns) heraus, die Frage umzudrehen: Wem bin denn ich der Nächste? Mit anderen Worten: wer hat keinen anderen, der ihm helfen kann oder will, so dass er nur noch mich hat? Dass ich sein Nächster bin, und wenn auch nur als der Nächstbeste, der des Weges kommt?

Übertragen auf das Mittelmeer bedeutet das: Eine Haltung, dass uns alles, was jenseits unserer Küsten passiert, einfach egal sein kann, dass wir nicht zuständig sind, dass es eine Grenze geben muss, des Sich-Verantwortlich-Fühlens – das ist im Kern unchristlich. Wenn diese Leute auf den Schlauchbooten niemanden anderen haben als uns, dann sind wir dran. So einfach ist das.

Es ist ein theologisch starkes Zeugnis, wenn die Kirche sagt: Wir gucken nicht weg, wir strecken die Hand aus, wir werfen den Rettungsring, auch wenn die Menschen, die da in Not sind, weder unsere Hautfarbe, noch Nationalität, noch Religion haben. Wir werden ihnen zu Nächsten, weil alle anderen sich abwenden und vorübergehen.

Dass über diesen Kern hinaus das Schiff als Symbol der Kirche, die Rettung aus den Wasserfluten ein immer wiederkehrendes Motiv in unseren Erzählungen ist, und dass über die konkrete, handgreifliche Hilfe hinaus auch ganz viel Emotion und Symbolik mitschwingt, brauche ich gar nicht weiter auszuführen. Es fühlt sich einfach richtig an.

Politische Argumente

Ich setze dieses Argument bewusst an zweite Stelle, weil es nicht die erste Aufgabe der Kirche ist, Politik zu machen. Es wäre aber auch falsch, die Kirche aus dem politischen Raum zu verbannen, und so zu tun, als ginge es nur um individuelle Frömmigkeit, mystische Innerlichkeit, und als ginge uns das Weltgeschehen um uns herum nichts an.

Kirche handelt öffentlich, und deshalb auch politisch. Und Nicht-Handeln kann genauso politisch sein wie jeder Aktivismus. Und deshalb geht die Kritik ins Leere, Kirche möge sich lieber um ihr „Eigenes“ kümmern, um Glauben, Lehre, Gottesdienst – statt auf der großen internationalen Bühne ein Schiff zur Seenotrettung mehrheitlich muslimischer Männer zu schicken.

Es ist oben theologisch begründet, sich einzumischen, und es ist auch ein wichtiges politisches Signal an die Verantwortlichen in Deutschland und in Europa: Wenn ihr die katastrophale Situation im Mittelmeer nicht in den Griff kriegt, dann müssen eben wir ran: Kirchen, Hilfsorganisationen, Privatleute. Wir können die Menschen nicht einfach ertrinken lassen.

Das Kirchen-Schiff könnte also weit über den einzelnen Effekt der Rettung von Menschen aus Seenot ein erhebliches Maß an politischem Druck aufbauen, für die Flüchtlingskrise am und im Mittelmeer eine Lösung zu finden, die weit mehr Menschen hülfe, als so ein Schiff je an Bord nehmen könnte. Die politische Hebelwirkung in Berlin, Brüssel und anderswo könnte wichtiger werden als die konkrete Hilfe vor Ort. Vielleicht war es kein Zufall, dass Seehofer die Aufnahme von Mittelmeerflüchtlingen zusagte, nur Tage nach der Pressekonferenz der EKD.

Dann wäre das schon ein prophetischer Akt der Verkündigung: Den Regierungen Europas und Nordafrikas ihren moralischen Bankrott vor Augen zu führen, und eine Einigung der durch nationale Interessen zerstrittenen Länder gerade durch die große öffentliche Inszenierung der Aktion praktisch zu erzwingen. Würde dies gelingen, sollte man in Hannover einen Platz im Regal für den Friedensnobelpreis freihalten.

Praktische Argumente

Dieses Argument steht am Ende, und doch steht und fällt mit ihm natürlich das Ganze. Es mag alles theologisch gut begründet und politisch sinnvoll zu sein: Wenn am Ende keine Menschenleben gerettet werden, dann fällt die ganze gute Aktion in sich zusammen, wird zu einem hohlen, womöglich sogar trügerischen Symbol des Guten Willens, das aber das Böse bewirkt. Und das sei ferne!

Auf den ersten Blick ist die Frage fast absurd einfach: Menschen aus dem Wasser ziehen ist ein gutes Werk, und wer einen Menschen rettet, rettet die Menschheit. Es ist ja gerade die praktische, handgreifliche Hilfe für Menschen in unmittelbarer Not und Lebensgefahr, die den moralischen, theologischen und politischen Impuls dieser Aktion trägt. Wir retten ganz konkret Menschen aus ganz konkreter Not. Praktischer geht’s nicht.

Und so sehr dieser Maßstab für jeden einzelnen Kapitän eines Schiffes im Mittelmeer gilt, dass er nicht einfach vorbeituckern kann, wenn vor dem Bug Menschen in Seenot sind – so stellt sich die Frage etwas anders, etwas prinzipieller für denjenigen, der ein Schiff schickt, um Schlauchboote zu suchen und die Menschen an Bord zu nehmen.

Denn dann müssen wir einer harten aber wohl leider wahren Tatsache ins Auge blicken: Für jeden Menschen, den wir aus dem Wasser ziehen, springen zwei hinein. Für jedes Boot das wir retten, legen zwei ab. Der Migrationsdruck von Afrika nach Europa ist so hoch, dass allein die Hoffnung, gerettet und irgendwie ans andere Ufer zu kommen, die Menschen zu Scharen in die Boote treibt.

Es klingt herzlos, aber ihnen diese Hoffnung zu nähren, sorgt dafür, dass sie den gefährlichsten, tödlichsten und in der Summe für alle teuersten Weg wählen, nach Europa zu kommen. Es würde sehr, sehr viele Menschenleben retten, wenn allen klar wäre: Dieser Weg funktioniert nicht. Jedenfalls hat Australien mit einer „Stop-the-Boats“-Politik zwar viel Kritik geerntet, aber effektiv die Zahl der Todesopfer im Meer auf einen Bruchteil gesenkt.

Und das ist das Dilemma: je öffentlichkeitswirkamer, politisch-prophetisch-plakativer dieses Schiff auf seine menschlich und christlich gebotene Rettungsmission aufbricht, desto größer ist die Gefahr, dass es die gefährlichen Hoffnungen der Menschen anfacht, und viel mehr in die Boote steigen, als am Ende tatsächlich gerettet werden können.

Hat nicht Kirche das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter auch anderswo schon so verstanden, dass besser als Nothilfe doch jede Maßnahme ist, die das Entstehen von Not verhindert? Kritisiert sie nicht zu Recht den Aktivismus von unprofessionellen Hilfsorganisationen, die einfach Nahrungsmittel verteilen, statt die Ursachen des Hungers zu bekämpfen (und Gratis-Nahrung natürlich für die Entwicklung lokaler Landwirtschaft tödlich ist)?

Meine Meinung

Ich halte die Aktion, bei allem, was ich ihr Gutem abgewinnen kann für falsch. Hilfe, wenn sie von uns als Evangelisch-Lutherischer Kirche in Deutschland kommt, muss nachhaltig, durchdacht, professionell und netto-wirksam sein. Gut gemeinten Aktivismus können andere besser.

Durch die mögliche, ja leider wahrscheinliche Wirkung der Aktion, dass damit Opferzahlen steigen, die Profite der Schlepper ebenso, die politische Krise aber womöglich nicht gelöst wird und die Symbolik am Ende leer und hohl wirkt, und die gute Tat das Böse wirkt: Das darf einer Kirche, die sonst einen anderen Anspruch formuliert und auch lebt, einfach nicht passieren.

Natürlich darf man anderer Meinung sein. Wer die Hoffnung hat, dass der politische Hebel wirkt, und eine Lösung erreicht wird, wer vermutet, dass der Einfluss dieses einen Schiffes auf die Migrationsbewegung ins und aufs Mittelmeer überschaubar bleibt, der kommt unter dem Strich zu einem anderen Ergebnis.

Was aber als schaler Nachgeschmack bleibt, ist dieses demonstrative Gut-Sein-Wollen. Gerade wir Evangelischen sollten uns bewusst bleiben, dass wir alle allzumal Sünder sind. Deshalb sollten wir ganz oben wie ganz unten der Versuchung widerstehen, uns allzu öffentlich und stolz als „die Guten“ zu inszenieren.

Heidelbaer


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