Back to normal – aber wie?

Zunächst die gute Nachricht: Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wirken. Die Zahl der Neuinfektionen pendelt sich auf etwa 5000 ein, was bedeutet, dass die Quote sinkt und dass die steilansteigende logarithmische Kurve mehr und mehr einer Geraden weicht. Damit scheint die größte Gefahr des Coronavirus vorerst gebannt: Dass es unser Gesundheitssystem in den Zusammenbruch treiben könnte.

Man muss das alle sehr vorsichtig formulieren: Denn gebannt ist die Gefahr noch nicht, viele, die jetzt infiziert sind, werden noch erkranken, manche schwer, einige werden auch sterben. Und die Zahl der bekannten Fälle ist sehr hoch in Deutschland, es wird die nächsten Wochen noch grenzwertig werden, wenigstens regional. Man kann feiern, dass der Verzicht auf so viel Lebensqualität wirkt, und nicht alles umsonst war. Für Entwarnung ist es aber noch zu früh.

Deshalb sind alle Überlegungen wann und wie man zum normalen Leben zurückkehren kann sehr zweischneidig. Einerseits sind sie verständlich, kein Mensch will länger als unbedingt nötig auf all das verzichten, was jetzt Verboten ist: Einkaufen gehen, gemeinsam Feiern, Schule für Kinder, Universitäten für unseren akademischen Nachwuchs. Regulärer Betrieb für die vielen kleinen und mittleren Betriebe, Cafés, Frisiersalons, Maschinenbau, Zulieferer.

Andererseits gilt: Erst das Leben retten, dann das Geld. Wir können nicht einfach die Bremsen komplett lösen und dann gleichgültig zusehen, wie der Zug auf abschüssigen Gleisen wieder Fahrt aufnimmt und die Kurve ihre Dynamik wieder aufnimmt. Das würde viele Menschenleben kosten und unsere Heldinnen und Helden im Gesundheitswesen geradezu verheizen, wie wir es in anderen Ländern sehen konnten.

Also muss eins klargestellt werden: Back to normal wird es nur schrittweise geben, und das ganze Jahr 2020 wird ein Corona-Jahr werden. Es wird keinen normalen Sommer geben. Nicht mal einen normalen Herbst. Und über den Winter reden wir erst, wenn wir wissen, wie weit die Forscher und Hersteller mit therapeutischen Medikamenten oder womöglich einer Impfung sind.

Dennoch wird man jede einzelne Maßnahme in die Hand nehmen müssen und überlegen, wie stark ihr Effekt ist, und ob man sie vielleicht zeitweise, vielleicht regional etwas lockern kann, um das Land aus dem totalen „Lockdown“ zu befreien. Welche anderen Maßnahmen hilfreich sein könnten, die einen guten Schutz vor Ansteckung bieten (aktiv wie passiv) aber unser Leben nicht so einschränken.

Ein Teil der Lösung könnte zum Beispiel Maskenpflicht sein. Gerade in geschlossenen Räumen in denen Menschen zusammenkommen, die nicht in einem Haushalt leben. Zuerst in öffentlichen Verkehrsmitteln, dann vielleicht auch Schulen und Universitäten, Behörden, Geschäften, Arbeitsplätzen. Auch einfache Masken dämmen die Zahl der fliegenden Tröpfchen ein – und die ist relevant für Ansteckungsgefahr und wohl auch für die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufes.

Ein anderer Teil könnte das Tracking sein, z.B. über das Mobiltelefon. Natürlich ein schlimmer Eingriff in die Freiheitsrechte, aber bitte: Das ist eine Ausgangssperre auch. Natürlich sollten wir genau definieren, wer welche Daten für welche Zwecke bekommt (wie bei den Mautstationen auch). Aber grundsätzlich ist eine „elektronische Fußfessel“ via Smartphone ein milderer Vollzug als Hausarrest.

Jedenfalls scheint dieses Verfahren in Ostasien erheblich dazu beigetragen zu haben, Infektionsketten aufzuspüren und zu durchbrechen, und die massenhafte Ansteckung einzudämmen – bei gleichzeitig größerer Bewegungsfreiheit für die Gesunden.

Wir sollten auch unsere föderale Struktur in ihrer Stärke zum Zuge kommen lassen, ja sogar regional, wenn nicht sogar kommunal handeln. So wichtig und richtig es war zunächst bundesweit einheitliche Maßnahmen zu koordinieren, sollten wir bei der Freigabe genau hinsehen, was wann wo zu verantworten ist.

Beispiel Schule: Grundschulen und Kindergärten sind oft auf kommunale Gemeinden beschränkt. Es gibt keinen großen „Durchmischungs-Effekt“ nach und von außen. Sind Kommunen nachweislich virenfrei, kann dort der Unterricht und der Kindergartenbetrieb wieder aufgenommen werden. Mit großem Entlastungseffekt für Eltern, Familien und damit auch viele Betriebe.

Weiterführende Schulen und Universitäten sollten später dran sein, weil das Einzugsgebiet viel größer ist, und zumindest hier auf dem Land auch durch die Schulbusse dann viele Kinder aus unterschiedlichen Dörfern, unterschiedlicher Schulen und Klassenstufen zusammengepfercht werden, was ein epidemologischer Albtraum ist. Größere Kinder und Studenten sind aber auch leichter digital zu unterrichten als die Kleinen und brauchen auch keine Rund-um-die-Uhr-Überwachung durch die Eltern.

Und das vielleicht wichtigste zum Schluss: Testen, testen, testen. Je genauer wir wissen, wo das Virus gerade steckt, desto schneller können wir reagieren um neue Ausbrüche im Keim zu ersticken. Vor allem aber: Wenn wir wissen, wo es nicht ist, kann man dort auch die Beschränkungen lockern und den Schaden an Menschen, Familien und Betrieben mildern, den die strengen Ausgangsbeschränkungen eben auch anrichten.

Deutschland ist – vielen Unkenrufen zum Trotz – bislang gut durch die Krise gekommen und konnte sogar den europäischen Nachbarn helfen. Wir sollten das nicht aufs Spiel setzen und mit der erkauften Zeit durch den Erfolg unseres Zuhausebleibens die nächsten Schritte sorgfältig abwägen und mit Experten ausdiskutieren. Dann werden wir es auch weiter gut hinbekommen.

Heidelbaer


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