Nach Abzug Chaos

Kundus ist gefallen. Diese Meldung tickert gerade über Spiegel-Online und andere Nachrichtenportale. Mit dem Fall der ersten Provinzhauptstadt im einst als relativ sicher eingestuften Norden Afghanistans ist eine Zäsur erreicht. Die schlimmsten Befürchtungen könnten wahr werden. Auch Afghanistan droht, ein „failed state“ zu werden.

Die staatliche Ordnung ist dabei zusammenzubrechen. Was dann folgt, wäre einem Terrorregime aus brutaler Gewalt nach innen wie außen. Einschließlich bürgerkriegsähnlicher Fehden zwischen Religionsgruppen, Stämmen und Clans um Straßen, Mohnfelder, ja einzelne Dörfer und Häuser.

Niemand sollte überrascht sein. Es ist nicht das erste Mal. Viel zu vertraut erscheinen einem die Formulierungen, dass die Angreifer aus dem Lager der islamischen Fundamentalisten die westlich ausgerichteten Sicherheitskräfte förmlich überrannt hätten. Obwohl sie genau dagegen vom Westen ausgebildet und auch ausgestattet wurden.

Diese Erfahrung haben die Amerikaner schon im Irak gemacht, als die von ihnen intensiv aufgebaute und mit teuerstem Gerät aufgerüstete irakische Armee vor einer zahlenmäßig unterlegenen Truppe des sogenannten Islamischen Staates die Flucht ergriff. Waffen und Munition in unvorstellbarer Menge fielen den Angreifern praktisch kampflos in die Hände.

Im Grunde gehört auch Israels Gaza-Erfahrung dazu: Nach Ende der Besetzung dort hielt sich die vom Westen massiv unterstützte Fatah auch nur kurze Zeit, und wurde von der fundamentalistisch islamischen Hamas im Handstreich entwaffnet und vertrieben. Bis heute gibt es dort parallele Strukturen, Machtkämpfe, Clankriege, Chaos.

Das ist die Formel, die bei jeder westlichen Militärintervention eine Exit-Strategie zur Makulatur macht: Nach Abzug Chaos! Egal wie richtig man es macht, wie gut man die einheimischen Verbündeten unterstützt, sie haben nach Abzug der Besatzungstruppen einfach keine Chance gegen ihre Gegner.

Und es spielt keine Rolle, dass sie eigentlich personell und materiell überlegen sind. Es hat keinen Effekt, wenn zuvor die Besatzungstruppen alles taten, um diesen Gegner zu schwächen. Wenn ihre Anführerer mit Drohnen getötet, ihre Fahrzeuge mit Präzisionswaffen zerstört und ihre Ausbildungslager dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Warum eigentlich? Die Antwort ist schwierig und kompliziert. Vor allem gibt es für die neuen Machthaber und ihre gesamten Strukturen aus Beamten, Gesetzen und Sicherheitskräften ein gewaltiges Legitimitätsproblem. Entweder sind sie Teil einer alten Machtclique, der man nicht vertraut, oder sie sind ganz neue Leute, die dann aber keine Hausmacht besitzen und ohne die Besatzungsmacht keine Rückendeckung haben.

Egal wie man es dreht oder wendet: Wer in diesen Ländern seine Macht erhalten will, muss mit den Clanstrukturen kollaborieren – aber das bedeutet im Klartext nichts anderes als Vetternwirtschaft und Korruption. Dass das Volk, die Bevölkerung eine Regierung nicht nur stürzen, sondern auch stützen, tragen und verteidigen kann – diese Erfahrung fehlt in diesen Ländern gänzlich.

Mit einer Ausnahme: die islamistischen Fundamentalisten haben mit ihrer fanatischen Auslegung von Religion einen Kitt, der zumindest theoretisch unabhängig ist von äußeren Mächten, der keine Verpflichtungen von Clan und Sippe kennt, und deshalb die Hoffnung auf eine vom Volk getragene, von Korruption befreite und vor allem funktionierende Ordnung weckt.

Natürlich werden diese Hoffnungen nicht eingehalten. Und es ist bizarr, dass ausgerechnet jene „westlichen“ Werte wie Freiheit, Demokratie, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit gerade jenen Parteien zugeschrieben werden, die sich bewusst antiwestlich definieren. Doch erinnern wir uns, welche Despoten dort vor Ort gerade im Namen sogenannter westlicher Werte gemordet, gefoltert und gestohlen haben?

Wer im Orient „Verwestlichung“ hört, denkt an brutale Zwangsmaßnahmen wie unter Atatürk, Schah Reza, Nasser, Saddam Hussein oder jetzt wohl alle an Mordlust überbietend: Assad. Westlich ausgebildet, westlich gekleidet, Anhänger einer als liberal geltende Strömung des Islam.

Noch schwieriger ist indes eine Lösung zu formulieren. Sollte man auf Interventionen denn ganz verzichten, wenn das Chaos nach dem Abzug schlicht unausweichlich ist? Aber hieße das nicht gerade jene Despoten wie Assad, die erst dem Islamischen Staat und anderen Fanatikern ihre Legitimität geben, endlos an der Macht zu halten?

Oder muss man sich mit dem Gedanken anfreunden, im Falle einer schlicht notwendigen Intervention ein dauerhaftes Besatzungsregime zu etablieren, auch wenn der Vorwurf des „Neokolonialismus“ dann nicht mehr von der Hand zu weisen sein wird?

Ein weiterer Weg tut sich dieser Tage auf, dem die Menschen des Orients am ehesten trauen – nur wir noch nicht. Es ist die alte, aber enorm wirksame Abstimmung mit den Füßen. Die massenhafte Flucht ist doch vor allem eins: Ein Vertrauensbeweis darin, dass hier im Westen unsere Werte gelebt werden. Dass es hier das Original gibt, das man im Orient nur als widerliches Plagiat erlebt hat.

Und auch, dass man vor Ort begriffen hat, dass die islamistischen Gotteskämpfer am Ende doch keine lebenswerte Alternative zu bieten haben, sondern nur neuen Terror, neue Diktatur und Quälerei in religiösem Gewande. Niemand will unter ihnen wirklich leben.

„Wir können es nicht“ hört man nun allerorten. Wir können sie nicht alle aufnehmen. Und so wahr das ist, dass es einfach rein praktische Kapazitätsgrenzen gibt, in Unterbringung, Versorgung vor allem aber Organisation und Sicherheit – so sehr müssen wir erstens zugeben, dass wir das andere ja auch nicht können: dort vor Ort ein lebenswertes Leben in Würde, Freiheit und Wohlstand zu ermöglichen.

Und dass wir es zweitens noch nicht ernsthaft versucht haben. Und wir drittens so die vielleicht einzige Chance haben, den IS und andere islamistische Scharlatane zu besiegen: Denn zum ersten Mal haben die Gotteskrieger ein Legitimitätsproblem. Sie die immer davon lebten, dass andere eins hatten, haben nun selber eines. Ihnen laufen die Leute davon. In Scharen.

Es mag vermessen klingen, eine Religion wie den Islam mit einer Gesellschaftstheorie wie den Sozialismus zu vergleichen. Aber beide können noch so darauf bestehen, in der Theorie oder meinetwegen vor Gott doch recht und richtig zu liegen: Gegen eine Abstimmung mit den Füßen sind sie letztlich wehrlos.

Nach Abzug Chaos. Ohne Volk, auch kein Gottesstaat. Vielleicht brauchen wir tatsächlich nur Mut, unsere Grenzen etwas länger aufzuhalten, dann kollabieren auch die Ursachen der Flucht. Man wird ja noch hoffen dürfen.

Heidelbaer


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