Postfaktisches Zeital… – Bullshit!

An dieser Stelle einfach mal eine Literaturempfehlung: On Bullshit von Harry G. Frankfurt (gibt es auch auf deutsch). In den USA ein Klassiker, hier finde ich immer noch zu viele Leute die es nicht kennen. Dabei gehört es zu den philosophischen Büchern, die klein, handlich und auch für den Normalmenschen verständlich und sehr unterhaltsam zu lesen sind.

Denn  man versteht sofort was er meint:Leeres, hohles Gerede, das es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Bullshit, so Frankfurt, sei gar keine Lüge, denn Lügner wissen in der Regel wann und wo und warum sie den Boden der Wahrheit verlassen. Bullshittern ist es einfach egal.

Frankfurt beschreibt es vor allem als Alltagsphänomen. Gequassel ohne echten Wirklichkeitsbezug aber mit vielen Oh!s und Ah!s und Echts?s und Wirklich?s. Denn es geht vor allem um Aufmerksamkeit.

Dieses Phänomen ist aber nicht nur im zwischenmenschlichen Klatsch und Tratsch zuhause, sondern längst auch in den Medien angekommen. Natürlich in den entsprechenden „Panorama“ Spalten, und – wer hätte das gedacht – beim Wetter.

Da Meteorologie aber eine seriöse Wissenschaft ist, ist es für ernsthafte Vertreter der Zunft ein echtes Ärgernis, wieviel Bullshit in den Zeitungen steht, wenn über das Wetter geredet wird. Als Beispiel hier nur eine Philippika von Jörg Kachelmann.

Durch das Internet ist die Hatz nach Aufmerksamkeit noch schneller geworden. Wer kriegt mit den packendsten Schlagzeilen die meisten Leser? (Profis nennen das clickbait, ein Beispiel dafür ist heftig.de oder buzzfeed).

Das läuft so gut, dass mit der-postillon.de sogar eine Satireseite  genau diesen Nachrichtenstil auf’s Korn nimmt: Aber anders als bei den Bullshittern wissen die Macher vom Postillon noch, wann sie lügen. Den anderen ist es – wir sagten es schon – schlichtweg egal.

Mittlerweile ist Bullshit in der Politik angekommen. Nun war es schon immer so, dass in diesem Betrieb das Aufmerksamkeitsbedürfnis sehr hoch ist, und deshalb wurde da immer schon das Phrasenschwein bedient und mit vielen Worten nichts gesagt.

Aber bislang hatte man den Eindruck, dass Politiker gerade deshalb so viele hohle Floskeln gebrauchten, weil sie eben darauf achteten, nichts definitiv Falsches zu sagen. Wenn die Wahrheit zu unbequem war, oder sie einfach keine Ahnung hatten – auch das kam vor – wurden Leerformeln genutzt. Lieber nichts sagen als etwas offensichtlich Falsches.

Mit dem Siegeszug des Populismus hat sich das geändert. Es wird massivster Bullshit geredet. Es wird irgendetwas behauptet, um Aufmerksamkeit zu erringen, und es ist völlig egal, ob das der Wirklichkeit standhält oder nicht.

Und wir reden hier nicht von Dikataturen. Dass Putins Staatsmedien alles Mögliche behaupten, was dann „debunked“ also von Internetnutzern als falsch erwiesen wird, das ist nur eine traurigen Kontinuität zu alten Zeiten.

Aber in Demokratien? Dass die Brexit Kampagne landesweit mit 350 Millionen Pfund wirbt, die wöchentlich(!) netto(!) an die EU gezahlt würden, und mit denen man das marode Gesundheitssystem der Briten sanieren könnte? Und nach dem Erfolg wird frank und frei zugegeben, man wisse das in Wirklichkeit nicht so genau?

Das ist lupenreiner Bullshit. Es wird gar nicht gelogen, es wird schon gar nicht die Wahrheit gesagt, es wird einfach etwas behauptet, das einem viele Oh!s und Ah!s einbringt, das eine oder andere „Unglaublich!“ und vielleicht noch ein: „und wenn die Hälfte stimmt, ist es ja immer noch viel!“.

Aber diese Demagogen wissen es gar nicht, ob die Hälfte stimmt. Oder ob das Vereinigte Königreich beim Brexit draufzahlt, und also gar nichts zu verteilen ist. Und es ist ihnen egal. Aus clickbait wird votebait, und es hat glänzend funktioniert. Nicht nur in Großbritannien, sondern auch in den USA.

Donald Trump wird der erste US-Präsident, der seinen Wahlkampf mit einer reinen Bullshit-Kampagne gewonnen hat. Auch von den wichtigsten Wahlkampfversprechen hat er keinen Plan. Eine Mauer zu Mexico, die der Nachbar bezahlt? No way! – sagen die. Modernisierung der Atomwaffen? Läuft schon längst, aber Trump hat den dafür Verantwortlichen noch nicht gesagt ob sie bleiben können, oder wer es sonst macht. Es droht Vakanz und Stillstand.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Und in Deutschland? Da wo die LINKE sich auf Putins Bullshit-Outlet RT verlässt, hört man auch hier einiges, wo die Sprechenden nicht den blassesten Schimmer haben, ob ihre Behauptungen stimmen. Aber den Vogel schießt natürlich die AfD ab.

Gerade die, die den Verdacht der „Lügenpresse“ auf die politische Bühne geholt haben, sind etwas schlimmeres als Lügner. Sie sind Bullshitter. Sie holen sich Aufmerksamkeit mit Behauptungen und rhetorischen Fragen, die ihre Meinung und Weltanschauung bestätigen – und die Wirklichkeit ist völlig egal.

Beispiel gefällig?

vonstorchbrandenburgertor

Einer stellvertretenden Bundessprecherin einer seriösen Partei wäre so etwas wahnsinnig peinlich, eine rhetorische Frage in Versalien zu stellen und vier Satzzeichen zu setzen, und dann vom politischen Gegner sofort der kompletten Ahnungslosigkeit überführt zu werden.

Aber heute, am 11. Januar ist der Tweet immer noch zu lesen. Und statt sich in Grund und Boden zu schämen wird einfach weitergepostet, weitergetwittert, als wäre nichts gewesen. Man hat eine Frage gestellt, die wurde beantwortet, wo ist das Problem?

In Wirklichkeit hat man Aufmerksamkeit erheischt, hat der gekränkten deutschen Seele noch einmal Salz in die Wunden gestreut. Denn für die Gefühlslage ist es am Ende nicht erheblich, dass diese eine Nachricht gar nicht stimmte. Man „weiß es ja“: um deutsche Terrortote kümmert sich kein Schwein.

Und das ist das Schlimme: Man kann dem Bullshit kaum beikommen. Man kann die Wahrheit veröffentlichen, Richtigstellungen fordern, auf Unterlassung klagen womöglich Strafanzeige erstatten. Aber all das kostet Zeit, und währenddessen werden zigtausend weiterer Bullshit-Postings erscheinen.

In einer aus Gleichgesinnten zusammengestellten Filterblase koppeln sich immer mehr Menschen ab, stehen förmlich unter Dauerfeuer. Das  Monster der narzisstischen Kränkung soll aus seinem Schlaf geweckt werden, wohl wissend, dass es zu allem Abscheulichen fähig ist. Vor allem im Kollektiv.

Das vereint Putin-Russen, Brexit-Briten, Erdogan-Türken, Sunnitische Djihadisten,  Trumps Wählerschaft und immer mehr Deutsche: Sie alle fühlen sich zu kurz gekommen in der Welt, fühlen sich um die Ehre, Anerkennung, Größe betrogen, die ihnen von Gott oder der Geschichte zusteht. Was für ein Bullshit.

Lasst uns stattdessen über Würde reden, über Werte und Wahrheit. Über „basic human decency“ wie Michelle Obama es so kraftvoll ausgedrückt hat. Lasst uns darin einen Konsens finden, dass ein Bullshitter niemals Macht und Verantwortung übertragen bekommen darf.

Keiner muss professionelles Politikersprech mögen. Aber um Geschmacksurteile geht es schon lange nicht mehr.

 


2 Gedanken zu “Postfaktisches Zeital… – Bullshit!

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