Predigt zu Johanni (24.06.2026)
In der Zeit, als Herodes König von Judäa war, lebte dort Zacharias, ein Priester, der zur Abteilung des Abija gehörte. Seine Frau stammte wie er aus dem Geschlecht Aarons; sie hieß Elisabeth. Beide lebten so, wie es Gott gefiel, und hielten sich in allem genau an die Gebote und Weisungen des Herrn. Sie hatten keine Kinder, denn Elisabeth war unfruchtbar, und jetzt waren sie beide alt.
Einmal, als Zacharias vor Gott seinen Dienst als Priester versah, weil seine Abteilung damit an der Reihe war, wurde er nach der für das Priesteramt geltenden Ordnung durch das Los dazu bestimmt, in den Tempel des Herrn zu gehen und das Rauchopfer darzubringen. Während der Zeit, in der das Rauchopfer dargebracht wurde, stand die ganze Volksmenge draußen und betete.
Da erschien dem Zacharias ein Engel des Herrn; er sah ihn auf der rechten Seite des Rauchopferaltars stehen. Zacharias erschrak und wurde von Furcht gepackt. Doch der Engel sagte zu ihm: »Du brauchst dich nicht zu fürchten, Zacharias! Dein Gebet ist erhört worden. Deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn schenken; dem sollst du den Namen Johannes geben. Du wirst voller Freude und Jubel sein, und auch viele andere werden sich über seine Geburt freuen. Denn er wird groß sein in den Augen des Herrn. Er wird keinen Wein und keine starken Getränke zu sich nehmen, und schon im Mutterleib wird er mit dem Heiligen Geist erfüllt sein. Viele Israeliten wird er zum Herrn, ihrem Gott, zurückführen. Erfüllt mit dem Geist und der Kraft des Elia, wird er vor dem Herrn hergehen. Durch ihn werden sich die Herzen der Väter den Kindern zuwenden, und die Ungehorsamen werden ihre Gesinnung ändern und sich nach denen richten, die so leben, wie es Gott gefällt. So wird er dem Herrn ein Volk zuführen, das ⸂für ihn⸃ bereit ist.«
Zacharias sagte zu dem Engel: »Woran soll ich erkennen, dass das alles geschehen wird? Ich bin doch ein alter Mann, und meine Frau ist auch nicht mehr jung.« Der Engel erwiderte: »Ich bin Gabriel; ich stehe vor Gott und bin von ihm gesandt, um mit dir zu reden und dir diese gute Nachricht zu bringen. Doch nun höre: Du wirst stumm sein und nicht mehr reden können bis zu dem Tag, an dem diese Dinge eintreffen, denn du hast meinen Worten nicht geglaubt. Sie werden aber in Erfüllung gehen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.«
Draußen wartete das Volk auf Zacharias, und alle wunderten sich, dass er so lange im Tempel blieb. Als er endlich herauskam, konnte er nicht mit ihnen sprechen. Da merkten sie, dass er im Tempel eine Erscheinung gehabt hatte. Er machte sich ihnen durch Zeichen verständlich, blieb aber stumm.
Als sein Priesterdienst zu Ende war, kehrte Zacharias nach Hause zurück. Bald darauf wurde seine Frau Elisabeth schwanger. Die ersten fünf Monate verbrachte sie in völliger Zurückgezogenheit. Sie sagte: »Der Herr hat Großes an mir getan! Die Menschen verachteten mich, aber er hat mich gnädig angesehen und hat meine Schande von mir genommen.«
Manchmal hasste sie einfach alles.
Alles. Sie hasste es Frau zu sein in dieser Zeit.
Sie war es zu lange, um sich nicht mehr blenden zu lassen.
Ja, als junges Mädchen fand sie das noch nicht schlimm, dass die Männer das Sagen hatten, dass man verheiratet wurde und sich den Partner nicht aussuchen durfte.
Und ja, sie hatte ja Glück gehabt. Sie selber kam aus einer priesterlichen Familie und ihr Mann wurde Zacharias, der hat es bis zum Priester am Tempel von Jerusalem gebracht. Sie hatten ein schönes Haus, genug zu essen, alles.
Und er war ein guter Mann, ein frommer Mann, fast ein heiliger Mann. Ein Stammbaum bis zurück auf Zadok, den Hohepriester Davids, ja sogar Aarons, den Bruder des Mose, und Levis, dem Sohn Jakobs.
Aber genau das war auch das Problem.
So ein Mann war nie schuld, wenn es mit Kindern nicht klappte.
Es war immer die Frau.
Der Mann hat den guten Samen, und die Frau ist der Acker auf den er fällt.
Und der ist mal gut und fruchtbar, so dass viele Kinder geboren werden.
Oder er ist hart, trocken und unfruchtbar, und das ist dann eine Schande.
Sie seufzte.
Niemand kam auf die Idee, dass es auch der Samen des Mannes sein könnte, der einfach nichts taugte. Es war immer die Frau.
Also sie.
Was war sie voller Hoffnung gewesen bei der Heirat. Alle ihre Verwandten waren kinderreich. Sie wollte auch viele Kinder haben, in ihren Träumen war das vornehme große Haus mit Kinderlachen gefüllt.
Aber es blieb still, dunkel und kalt.
Und diese stille dunkle Kälte war nach und nach in ihr Herz gekrochen.
Sie hasste alles.
Sie hasste alle ihre Verwandten und Freundinnen, die ihr alle möglichen Tipps und Ratschläge gegeben hatten.
Was hatte sie alles für Techniken und Hausmittel probiert, alle möglichen Kräuter aufgekocht und sogar Kamelurin getrunken.
Noch jetzt merkte sie wie die Übelkeit in ihr hochstieg, wenn sie daran dachte.
Geholfen hat nichts.
Pünktlich zum Vollmond kam ihre Regel. Mit gnadenloser Regelmäßigkeit.
Nun, zumindest das war mittlerweile auch vorbei.
Doch dadurch bekam sie das, was noch schlimmer war als all die Tipps.
Mitleid.
Achselzucken.
Dann kannst du es halt nicht, schade für dich, tut uns echt leid.
Sie kämpft mit den Tränen.
Wut, Hass und Trauer steigen wieder auf. In ihrem Mund schmeckte es sauer.
Auch ihr Mann. Manchmal hasste sie ihn auch.
Gerade weil er so lieb und verständnisvoll war. Selbst als es eigentlich schon keinen Zweck mehr hatte, versuchte er es immer wieder.
Aber natürlich wusste sie, dass er dachte, was alle dachten: An ihm liegt es nicht. Er hatte das Pech eine unfruchtbare Frau geheiratet zu haben.
Warum verstieß er sie nicht?
Nein, dafür war er zu gut, zu gerecht, zu fromm und zu heilig.
Bestimmt liebte er sie auch. Aber sie konnte nicht liefern.
„Es ist Gottes Wille“ sagte er dann.
Deshalb hasste sie auch Gott.
Wäre es Gott nicht ein leichtes gewesen, ihr ein Kind zu schenken?
Hatte nicht ihr Mann täglich am heiligsten Ort der Welt zu ihm gebetet, geopfert, gefleht?
Hatte sie nicht auch gefastet, geweint und sich in den Staub ihres Zimmers geworfen, dass er nur diesen einen Herzenswunsch erfüllte?
Und waren sie nicht fromme Leute?
Warum hatten die gottlosesten Paare Kinder in Fülle, und sie, aus dem geweihten Geschlecht der Priester aus Gottes erwähltem Volk, die in allem versuchten nach seinem Willen zu leben, gehen leer aus?
Warum, Gott?
Sie hatte sogar einmal überlegt, sich mit einem anderen Mann einzulassen, nur FALLs es doch an Zacharias liegt, dann könnte sie ihm ein Kind schenken, auch wenn es nicht seines wäre.
Aber sie war zu fromm. Oder zu feige.
Nein, sie würde ihren Mann nicht betrügen, und das Geschlecht der Priester nicht beflecken.
Stammbaum bis hoch zu Aaron und dann ein Handwerker. Ausgeschlossen.
Und Gott? Was war sein Dank? Eisiges Schweigen. Er schien sie einfach ganz und gar vergessen zu haben. Oder es gab ihn einfach gar nicht.
Vielleicht war das alles nur Show, der prächtige Tempel, die uralten Zeremonien, die heiligen Geräte, die auserwählten Geschlechter.
Sie musse aufstoßen.
Eigentlich hatte sie sich ganz gut mit ihrem Schicksal abgefunden. Sie hatte sich eine Mauer gebaut aus Resignation und ein wenig Zynismus, aus Klugheit und einem Schuss Humor. So konnte sie dem Mitleid entgehen.
„Ich bewundere dich, wie du mit deinem Schicksal umgehst“ hatte erst kürzlich eine zu ihr gesagt. Na bitte, wenigstens etwas.
Aber dann kam dieser völlig verkorkste Tag, der ihre ganzen kunstvollen Mauern, die sie um ihre Schande und ihre Trauer gebaut hatte, zum Einsturz brachte.
Zacharias kam aus dem Tempel, nachdem er dort ganz normal Dienst gehabt habe, und war völlig neben sich. Er stammelte herum gestikulierte wild aber brachte kein verständliches Wort über die Lippen.
Besorgte Leviten begleiteten ihn, und sie hatten große Sorge ihn hätte der Schlag getroffen.
Aber ein erfahrener Priesterkollege behauptete, Zacharias habe bestimmt eine Erscheinung gehabt, er sei schließlich ganz nahe am Allerheiligsten gewesen, als das passiert sei.
Später als sie unter sich waren, machte ihr Mann ihr deutlich, dass ihm tatsächlich ein Engel erschienen sei. Und dass er als Strafe für seinen Unglauben verstummt sei.
Weil Gott ihm verheißen habe… Sie wollte den Gedanken gar nicht zu Ende denken. Das war alles so bizarr, so lächerlich, so demütigend für jeden Verstand und jede Erfahrung, die sie als Frau gesammelt hatte.
Sie fühlte sich von Gott selbst verspottet, all die alten Wunden, so schien es brachen wieder auf.
Befremdet sah sie das kindliche Vertrauen ihres Mannes, dass jetzt doch noch ein Wunder passieren würde.
Nachdem Gott nun unzählige Möglichkeiten ausgelassen hatte, sollte er jetzt also die ganz große Wundertüte auspacken, wo es nun wirklich keine realistische Möglichkeit mehr gab?
Sie hatte sich noch nie so einsam gefühlt. Alle waren bereit, das unmögliche zu hoffen, aber am Ende war es doch ihr Körper, der das unmögliche leisten sollte, und ein Kind austragen und zur Welt bringen musste.
Und diesen ihren Körper kannte sie doch am allerbesten. Auch wenn sie ihn hasste. Wie alles.
Wieder wurde ihr schlecht, diesmal musste sie sich übergeben.
Und als sie sich den Mund abwischte, kam ihr plötzlich ein Gedanke.
Wie ein weißglühender Tropfen fiel er in ihre Dunkelheit und Kälte
„Sagmal, Elisabeth“, sagte sie zu sich selbst, und versuchte nicht übergeschnappt zu klingen: „diese Übelkeit, die begleitet dich jetzt schon einige Tage, das ist neu, und das könnte…“
Ja, das könnte…
Sollte es wirklich?
Sie musste zugeben, dass sich auch anderes an ihrem Körper verändert hatte, dem sie bislang keine Bedeutung beigemessen hatte.
Und auch ihre komische Stimmung war ja eigentlich nicht normal.
Es machte plötzlich alles Sinn.
Sie riss das Fenster auf, von dem aus man einen phantastischen Blick auf den Tempel hatte.
Aus voller Kehle sang sie: »Der Herr hat Großes an mir getan! Die Menschen verachteten mich, aber er hat mich gnädig angesehen und hat meine Schande von mir genommen.«
Amen


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