Wut am Ring

Wenn Wutreden gehalten werden, dann platzt jemandem der Kragen. Und nachdem Rudi Völler im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor einem Millionenpublikum „Scheiße“ gesagt hat, weiß jeder, was das ist.

Jetzt ist eine neue Wutrede im Umlauf, die Ansprache von Lieberberg zur Unterbrechung von Rock am Ring. Der Abbruch am Freitagabend wurde durch Polizei und Innenministerium veranlasst, nachdem sich Indizien zu einer konkreten Terrorgefahr für das Festival verdichtet hatten.

Worin genau diese Indizien bestanden blieb bis zum späten Abend unklar, in den Medien wurde von einer ungeklärten Identität eines Helfers gesprochen, von offizieller Seite hieß es nur, die Maßnahme des Abbruchs sei „alternativlos“ gewesen.

Davon war der Veranstalter ganz offensichtlich nicht überzeugt. Den meisten Teil der Wutrede regt er sich über die Ungleichbehandlung auf: Rockkonzerte würden abgesagt, Fußballspiele durchgeführt. Er komme sich vor wie der Prügelknabe.

Nun, da liegt er natürlich nicht ganz richtig, auch Fußballspiele wurden in der Vergangenheit abgesagt, aber dennoch trifft er einen wunden Punkt: Deutschland hat noch keinen souveränen Umgang mit der Terrorgefahr gefunden.

Denn bei allem notwendigen Schutz von Leib und Leben der Bürgerinnen und Bürger ist die Einschränkung von Lebensqualität immer ein Sieg des Terrors. Und wenn etwas für Lebensqualität steht, dann so ein Festival wie Rock am Ring.

Die Frage, ob die Anschlagsgefahr wirklich derart konkret war, dass der Abbruch tatsächlich alternativlos war, muss ernsthaft diskutiert werden dürfen. Es lohnt sich (wie so oft in diesen Tagen) nach Israel zu schielen. Abbrüche von Großveranstaltungen kommen dort – trotz Terrorgefahr – faktisch nicht vor. Irgendwas machen die besser als wir.

Doch neben der Wut auf Innenministerium, Polizei und den verwöhnten Fußball fielen in seiner Rede auch Sätze zum Thema Islam und Terror, die ein viel lauteres Echo zur Folge hatten. Mittlerweile ist die Rede schon von einigen Servern verschwunden, offenbar nimmt Lieberberg selber Abstand von seinen Äußerungen.

Aber nun sind sie einmal raus: Es sei jetzt der Zeitpunkt zu sagen, Schluss mit „This is not my Islam“ und „This is not my shit“, behauptet er, und wünscht sich Demonstrationen von Zehntausenden gegen die Gewalttäter, die er nirgendwo gesehen habe.

Auch hier irrt er. Nicht zuletzt Aktionen in den sozialen Medien mit „This is not my Islam“ sind ja eine Art Massendemonstration. Und wenn nach den Attentaten von Paris, Boston oder Manchester große Kundgebungen zur Solidarität mit den Opfern und zum Protest gegen den Terror stattfinden, sind auch Tausende, Zehntausende Muslime dabei.

Und nur so ist es doch auch richtig: Wir als Menschen, muslimischen, christlichen oder gar keines Glaubens stehen gemeinsam gegen den Terror auf, gehen auf die Straße und ja: Gehen auch zum Fußball, auf Konzerte, zu Festivals.

So viel Irrtum, und dennoch fühlt man der Rede ab, dass da doch irgendwo etwas Wahres dran ist. Aber „gefühlte Wahrheiten“ werden schnell zu „alternate facts“ und „FakeNews“ – also gegen die oben getroffenen Feststellungen einfach zu behaupten: Er hat aber trotzdem irgendwie recht – das reicht nicht.

Deshalb ist auch allen zu widersprechen, die jetzt allzu laut applaudieren, die Liebermann zu einem Propheten stilisieren, der gegen jeden Mainstream die Wahrheit zu sagen wagt. Er tut es eben nicht. Sicherlich nicht aus propagandistischer Absicht, sondern weil er sich einfach irrt, und weil er wütend ist.

Doch wie wir auch Wünsche an Polizei und Innenminister formuliert haben, formulieren wir auch Wünsche an die muslimische Community. Organisiert euren Widerstand gegen die Hassprediger. Widersprecht euren Imamen, wenn sie Verachtung predigen, gegen andere.

Und das muss in aller Deutlichkeit gesagt werden: Das fängt bei den Juden an. Wenn Weltverschwörung gepredigt wird, wenn Genozid in Palästina angeprangert wird, wenn die endzeitliche Auslöschung Israels herbeigesehnt wird: Sagt Nein. Steht auf. Geht aus dem Betsaal und schüttelt den Kopf.

Denn damit wird der Boden bereitet für Hass, wird eine Bedrohung herbeigeredet, die Widerstand und Gewalt rechtfertigt, und es braucht nur ein Einflüsterer zu kommen, der junge Leute zu begeistern weiß, und sie motiviert gegen diese Verschwörung, gegen diesen Feind, gegen diesen Satan etwas zu tun.

Ein Islam, der Frieden, Barmherzigkeit und Menschlichkeit predigt, außer für Juden, außer für Homosexuelle, außer für Frauen, außer für Gotteslästerer, Ungläubige und Apostaten – der wird immer eine Sicherheitslücke haben, durch die die Islamisten ihren Gewaltvirus einschleusen können wie ein Trojanisches Pferd.

Es gibt viele mutmachende Bewegungen in der muslimischen Community in Deutschland. Viele, die offen für einen Islam eintreten, der menschenfreundlich ist und tolerant. Wenn Liebermann den nicht sieht, sollte er vielleicht einfach mal genauer hingucken.

Aber in der Breite und in der Fläche gibt es noch sehr viel zu tun. Nicht zuletzt gilt es auch theologisch zu arbeiten, und der Hau-Drauf-Ideologie der Islamisten wirklich eine argumentativ starke und stichhaltige Lehre vom Willen Gottes entgegenzusetzen – die dann auch Islamkritiker zum Nachdenken bringen könnte.

Leider können wir euch dabei wenig helfen (ich habe immerhin ein paar Versuche hier gebloggt), aber wir können euch weiter einladen: Seid Teil unserer freien, fröhlichen, offenen und menschlichen Gesellschaft. Trauert mit uns, kämpft mit uns, und feiert mit uns. Auf hoffentlich vielen Fußballspielen, Konzerten und Festivals ohne Terror und Alarm.

Heidelbaer


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