Liebe Gemeinde, vor einer Woche war die Frage, wie ist die Beziehung zwischen Israel und der Kirche, zwischen Juden und Christen.
Und das Ergebnis: Wir haben KEIN RECHT, auf unsere jüdischen Glaubensgeschwister herabzublicken. Ihr Heil ist nicht von unserem Wohlwollen abhängig sondern von Gottes Liebe zu seinem Volk, und Gott sagt: die wird ihm niemals leid tun.
Und heute kommt gewissermaßen das erste Anwendungsbeispiel. Das Gleichnis vom Pharisäer und dem Zöllner. Es ist das Evangelium für heute, der Predigttext und natürlich DIE Geschichte zum Wochenspruch: Gott widersteht dem Hochmütigen, aber dem Demütigen gibt er Gnade. Und guckt euch das Bild an. Guckt ihn euch an diesen fetten, arroganten Pharisäer, wie er sich brüstet, wie er sich etwas auf seine Almosen einbildet, diese Selbstgefälligkeit, diese Eitelkeit. Und diese Ignoranz und Verachtung gegenüber dem armen Sünder, den er in den Schatten stellt.
In jeder Hinsicht.
Dieses Bild Ihr Lieben ist von Julius Schnorr von Carolsfeld, einem Künstler der Romantik, und es ist x-fach reproduziert, kopiert, für Kinderbibeln adaptiert und verbreitet worden.
Wenn wir das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner hören, taucht vor unserem inneren Auge fast automatisch dieses Bild auf.
Und es ist praktisch alles daran falsch und sogar gefährlich.
Denn die Pharisäer waren gar nicht reich.
Die Zöllner waren reich.
Die haben sich mit der römischen Besatzung arrangiert und machten eine Menge Geld damit, dass sie ihre Landsleute abzockten. Zolleinahmen funktionierten in Rom auf Provisionsbasis, und an der Geschichte von Zachäus erkennen wir: davon konnte man gut, sogar sehr gut leben.
Man musste nur moralisch ein bisschen flexibel sein. Man musste die Gebote Gottes eben etwas elastisch auslegen.
Man musste Gottes Wort ein wenig an den römischen Zeitgeist anpassen, wenn man so will.
Und dann war man reich. Man war modern. Zeitgemäß. Man konnte sogar römische Bürgerrechte bekommen. Ins Theater gehen. Die Kinder ins Gymnasion schicken. Und wenn einem einer dumm kam hatte man die mächtige und brutale Staatsgewalt Roms auf seiner Seite.
Da sah man als Pharisäer ganz schön alt aus. Sich an Gottes Wort halten. Vom wenigen Geld das man hatte auch noch 10% abgeben. Auf Fleisch verzichten, weil es Götzen geweiht war. Den Sabbat halten und auch an diesem Tag kein Geld verdienen wie die anderen. Wie jener da.
Versteht ihr: Die Darstellung gehört eigentlich getauscht! Und das Schlimme ist: Diese Darstellung ist deshalb im Kern antisemitisch. Carolsfeld stellt den reichen Juden dar, der sich für etwas Besseres hält und kontrastiert ihn zum ehrlichen einfachen Christen. Das verkauft sich gut, damals wie heute.
Und es machte dieses Gleichnis von Jesus für die Christen seiner Zeit so schön einfach. Denn die Pharisäer, das sind immer die anderen.
Und Gott sei Dank bin ich nicht wie sie.
Danke Gott, dass ich so ein bescheidener, demütiger Christ bin und nicht so ein Jude, Katholik, Namens-Christ – so ein Pharisäer bin.
Merkt ihr was?
Wir sind gemeint.
Glaubt ihr ERNSTHAFT, Jesus erzählt diese Geschichte, damit wir uns besser fühlen als andere? Dass endlich mal wir es sind, die auf andere herabsehen können? Wo wir doch tapfere, fromme Christenmenschen sind, dir ihre Kirchensteuer bezahlen und noch darüber hinaus spenden! Die wir Gottes Wort nicht nur als Kulturgut oder religionsgeschichtliches Fossil betrachten, sondern als Kompass und Messschnur unseres Lebens?
Weiß Jesus nicht, wie oft wir belächelt werden von anderen. Worauf wir alles verzichten? Und andere nehmen sich das einfach? Dass es sogar regelrecht Verachtung und Hass gibt, ja sogar Gewalt gegen Christen?
Merkt ihr: jetzt wird es persönlich.
Frage dich: Wo hast du das selber erlebt? Belächelt, verachtet oder sogar gehasst zu werden, wegen deines Glaubens? Worauf verzichtest du, und es fällt dir eben nicht leicht? Was erlaubst du dir nicht, was gönnst du dir nicht, wo hast du das Gefühl gegenüber anderen zu kurz zu kommen, weil du auf Gottes Wort hörst? Trauerst du heute noch einer verpassten Chance hinterher, die du liegengelassen hast, weil du Christ bist?
Spürst du da einen Schmerz, einen Verlust, eine Trauer?
Und hast du das Gefühl, es wird dir genug gedankt?
Wer weiß davon?
Oder weiß es nur Gott allein?
Und?
Jetzt ganz ehrlich:
Hast du das Gefühl er schuldet dir etwas?
Ein ganz klein bisschen Anerkennung?
Ein winziges Stückchen Segen?
Einen bescheidenen Trost für das, was dir entgangen ist?
Dann ist das hier deine Geschichte.
Jesus sieht das.
Er kennt das.
Er kann das fühlen.
Aber Recht gibt er dir nicht. So leid es ihm tut.
Wir haben kein Recht, hatte ich oben gesagt. Und es stimmt.
Deshalb kann wahrscheinlich auch nur Jesus diese Geschichte erzählen, weil er ja nun wirklich auf ALLES verzichtet hat, auf Haus, auf Garten, auf Auto und Boot, ja auf festes Einkommen und sichere Unterkunft als Ganzes, und am Ende auch auf seine Ehre, seine Würde, sein Leben.
Ich weiß wie du dich fühlst, das sagt er nicht so daher.
Aber es gibt dir kein Recht auf andere herabzublicken.
Und es passiert so schnell.
Gott sei dank ist keins meiner Kinder schwul.
Die da oben machen doch sowieso was sie wollen.
Wir Ehrlichen sind doch immer die Dummen.
Wer sich alles Christ nennt!
Die jüdische Religion ist eine Religion der Werkgerechtigkeit
Katholiken glauben, sie könnten die Gnade Gottes kaufen.
Und so weiter, und so weiter.
Jesus kennt unser Bedürfnis, uns selbst aufzuwerten, und andere abzuwerten. Und dass es für fromme Menschen, die bereit zum Verzicht sind, eine besondere Versuchung darstellt.
Er erzählt die Geschichte nicht, damit wir uns über den Pharisäer erheben, sondern dass wir uns in ihm erkennen.
Gott sei mir Pharisäer gnädig.
Darum geht es: Gottes Gnade genug sein zu lassen.
Denn ganz ernsthaft: Was brauchst du mehr als Gottes Gnade? Wenn du die hast, und du hast sie, sie ist dir zugesagt, versprochen und verheißen, Jesus hat sie mit Blut bezahlt, sie ist dir erworben und geschenkt.
Was, jetzt wirklich ehrlich, was schuldet dir Gott dann noch?
Das und nur das hat der Zöllner in diesem Gleichnis, er mag ein noch so unsympathischer Kotzbrocken sein, aber das hat er begriffen: Gnade ist alles was ich brauche.
Deshalb: Lasse los, was Gott dir schuldet.
Nimm an, was Gott dir schenkt.
Und lass es genug sein.
Und deine Mitmenschen werden es merken.
Denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade,
Amen.


Hinterlasse einen Kommentar