Predigt zum 13. Sonntag nach Trinitatis

Quizfrage: Durch welches Ereignis starb ¼ der Weltbevölkerung?

Krieg? Seuchen? Naturkatastrophen? Die Antwort kommt im Predigttext:

41 Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn

2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.

3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes.

4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer,

5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

6 Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?

7 Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

9 Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?

10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.

11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.

12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

13 Kain aber sprach zu dem Herrn: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.

14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet.

5 Aber der Herr sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Sehet ihr: Adam, Eva, Kain, Abel – die ersten Menschen, vier an der Zahl, einer tot macht genau 25%. Mit Bibelkunde können Sie bei Günther Jauch Millionär werden.

Aber jetzt im Ernst:

Um dieses Zahlenspiel geht es der Bibel natürlich nicht. Sie geht nicht einmal davon aus, dass es außer Adam, Eva, Kain und Abel keine weiteren Menschen gab. Dazu am Schluss noch einen Satz.

Denn, Ihr Lieben, die Bibel will keine wissenschaftliche Erklärung für die Entstehung des Homo Sapiens liefern, sondern eine Geschichte erzählen.

Wenn ihr Konfirmanden euch also mit eurem Biolehrer streiten wollt, dann nicht darüber, wie die ersten Menschen physisch entstanden sind. Die Bibel will erzählen, wie Menschen zu Menschen wurden, aber in einer ganz anderen Hinsicht.

Die Bibel erzählt es so: Gott ruft Menschen in Verantwortung.

Sie hören auf Tiere zu sein.

Das ist der Beginn der Menschheit, nämlich der Menschlichkeit.

Gott macht uns zu Menschen.

Ohne Gott sind wir Tiere.

Die Nazis waren der tiefste Punkt der Gottlosigkeit: Rassenzuchtprogramm für Menschen. Da dürft ihr mit dem Biolehrer streiten: Wir sind in vielerlei Hinsicht auch Tiere, aber wir sind nicht nur Tiere, die man nach biologischen Maßstäben selektieren und züchten kann.

Auschwitz funktioniere wie eine große Abdeckerei für Menschen. Unser Außenminister war gerade dort. Es war und ist unvorstellbar, aber genau das passiert, wenn man Menschen wie Tiere behandelt.

Die Nazis unterschieden Herrenrasse und Untermenschen.

Es sei das Gesetz der Natur: Der Starke herrsche über den Schwachen, darf ihn verdrängen und vernichten.

Und dagegen steht Gott.

Gegen das Recht des Stärkeren.

Kain war der Stärkere.

Aber Gott sieht Abel an.

Kain nicht.

Der senkt den Blick.

Er hat keine Augen für seinen Bruder.

Er erkennt nicht, dass sie Brüder sind.

Er übernimmt keine Verantwortung,

sondern setzt sein Recht des Stärkeren durch.

Mit Gewalt.

Mit Tod.

Mit Mord.

Gott ruft ihn zur Verantwortung.

Macht ihn zum Menschen.

Sollte ich meines Bruders Hüter sein?

Ja genau.

Das ist es.

Verantwortung übernehmen,

das ist menschlich.

Als Starker den Schwachen im Blick haben,

das ist menschlich.

Den Blick nicht abwenden.

Den anderen als Bruder erkennen.

Wo das nicht passiert, lauert die Sünde

lauert der Tod.

Ihr Lieben, diese Erkenntnis ist der Anfang der Menschheit, als Menschen.

Diese Erkenntnis ist der Anfang unserer Kultur.

Unserer Werte

Unseres Rechts.

Unseres Sozialstaats.

Diese Erkenntnis, dass es Starke und Schwache gibt, Gesunde und Kranke, Reiche und Arme.

Aber dass mit Reichtum, Gesundheit, Kraft und Kompetenz auch Verantwortung verbunden ist.

Nicht das Recht zu herrschen und zu dominieren allein, sondern auch die Pflicht zu sorgen.

Hüter zu sein für die kleineren Brüder.

Habt ihr noch den Wochenspruch im Ohr?

Jesus sagt das wörtlich: Was ihr diesen Geringsten unter meinen Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.

Gott stellt sich auf die Seite der kleinen Brüder, Jesus identifiziert sich sogar mit ihnen.

Abels Blut schreit zum Himmel, und dort ist ein Gott, der das hört.

Der sich zum Anwalt macht.

Der Anklage erhebt.

Und Kain begreift es.

Es geht nicht nur um den Mord.

Es geht um das Wegsehen.

So steht es da: Er senkte den Blick.

Im Segen beten wir:

Gott erhebe sein Angesicht auf dich.

Das ist das Gegenteil.

Er sehe dich an.

Er habe dich im Blick

Er achte auf dich, sorge für dich, schütze dich und sei barmherzig mit dir.

Denn schon das Wegsehen tötet.

Die Ignoranz.

Wie bei den zwei Leuten, die beim Gleichnis vom barmherzigen Samariter vorbeigehen.

Sie haben größere Ziele im Blick

Jerusalem, den Tempel, den lieben Gott.

Und Gott ruft aus den Wunden des Zerschlagenen. Hier bin ich!

Hier unten!

Wenn du mich hier nicht siehst, findest du mich nie und nimmer, in keinem Tempel, keiner Kirche der Welt.

Wir müssen Menschen sein, um Gott zu begegnen.

Mit-Menschen.

Denn wenn wir andere wie Viecher behandeln, werden wir selber zu Bestien, und das Menschsein beginnt da, wo Gott mit uns spricht.

Und er sagt: senke nicht den Blick.

Gucke nicht weg.

Nicht hier im Dorf, wo vielleicht Menschen vereinsamen, nicht an der Arbeitsstelle oder der Schule, wo diejenigen gemobbt werden, die erkennbar Probleme haben. Nicht in diesem Land, wenn Obdachlose und Flüchtlinge gegeneinander ausgespielt werden.

Nicht in Europa, wo mittlerweile Tausende im Mittelmeer ertrunken sind, und es weder eine klare Strategie gibt, sie nach Nordafrika zurückzubringen, noch sie in Europa aufzunehmen.

Wegsehen tötet.

Aber hinsehen tut weh.

Wir fühlen uns dann oft ohnmächtig, hilflos, überfordert.

Wir, die Starken.

Plötzlich sind wir schwach.

Wissen nicht, welche Worte wir sagen sollen, um dem Mobbing ein Ende zu bereiten. Wissen wir nicht, wie wir auf die Einsamen zugehen sollen. Haben auch keine Lösung für die Wohnungsnot in der Tasche oder den Königsweg für die europäische Flüchtlingskrise.

Aber da fängt das Menschsein eben an: Wo Starke erkennen, dass sie schwach sind, wo Kain seine Enttäuschung, seinen Frust, seine empfundene Ungerechtigkeit zugelassen hätte.

Wo wir plötzlich erkennen: wir sind auch schwach. Und wir brauchen dich Gott.

Kain brauchte ihn auch.

Als er plötzlich allein war, und in die Fremde musste, zum Flüchtling wurde.

Jeder wird mich erschlagen.

Ja, so ist es mit dem Recht des Stärkeren.

Aber Gott ist auf der Seite der Schwachen.

Und schützt Kain.

Siebenfältig soll gerächt werden.

Apropos? Sieben?

Dann waren wohl doch noch ein paar mehr Menschen auf der Welt als nur Abel, Kain, Adam und Eva.

Aber die hatten womöglich Gottes Stimme noch nicht gehört.

Amen


Ein Gedanke zu “Predigt zum 13. Sonntag nach Trinitatis

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s